Heiko Arntz  Tagebuch und Wahrheit oder Was heißt hier Realismus? 

 

Zur ersten deutschen Gesamtausgabe der Tagebücher des Samuel Pepys

(Haffmans 2010)

 

 

 

I.

 

Daß ein Buch wie das Tagebuch des Samuel Pepys überhaupt existiert, ist im Grunde ganz unbegreiflich.

Robert Louis Stevenson

 

Vom 1. Januar 1660 bis zum 31. Mai 1669 führte Samuel Pepys Tagebuch. Robert Latham, Herausgeber der historisch-kritischen Ausgabe, und seine Mitarbeiter haben sich die Mühe gemacht, die Wörter der einzelnen Jahrgänge zu zählen und kommen auf folgende (gerundete) Werte:

 

1660  117 000

1661    84 000

1662  105 000

1663  159 000

1664  132 000

1665  121 000

1666  151 000

1667  201 000

1668  128 000

1669    52 500

Wem diese Zahlen nichts sagen, dem ist vielleicht mit einem Vergleich gedient. John Evelyn, der andere große Tagebuchautor der Zeit, führte sein ebenfalls sehr berühmtes Tagebuch ungefähr von 1630 bis 1680. Doch nach einem halben Jahrhundert ist es nicht annähernd so umfangreich wie das von Pepys nach knapp neuneinhalb Jahren. Man stellt sich die Frage: Wann hat Pepys all das geschrieben? Schließlich mußte er all das ja erst noch erleben.

 

Die Sache wird nicht weniger unbegreiflich, wenn man erfährt, daß es sich bei dem überlieferten Manuskript der Tagebücher nicht etwa um lose Zettel oder Kladden mit achtlos (oder wenigstens eilig) hingeworfenen Zeilen handelt. Nein, es ist ordentlich eingebunden, in sechs Bänden, betitelt «Journal» (beziehungsweise in lateinischen Kapitalbuchstaben: «IOVRNAL»), und das Schriftbild ist auffallend sauber und präzise. Pepys verwendete für seine Aufzeichnungen eine von Thomas Shelton entwickelte Kurzschrift, aber in diesem Fall ganz offensichtlich nicht, um schnell zu schreiben. Er arbeitete so sorgfältig und gewissenhaft, wie es für die bloße eigene Lektüre durchaus nicht nötig gewesen wäre. Das Tagebuch-Manuskript ist ganz offensichtlich eine Reinschrift.

 

Diese These wird durch viele Indizien bestätigt, etwa durch die Tatsache, daß Pepys es nicht tageweise, sondern, wie er immer wieder vermerkt, in Blöcken von mehreren Tagen schrieb: «Zu Hause die letzten vier Tage in meinem Tagebuch nachgetragen», heißt es etwa am 26. Juli 1665, und er spricht in diesem Zusammenhang grundsätzlich nicht von «schreiben», sondern von «nachtragen», «auf den neuesten Stand bringen» («to set right», «to make good», «to put in order»). Pepys müßte schon ein sehr gußeisernes Gedächtnis gehabt haben, wenn er nach vier Tagen all die vielen Details wiederzugeben imstande gewesen wäre, für die sein Tagebuch zurecht so berühmt ist.[1]

 

Am 5. August 1662 schreibt er: «Den ganzen Nachmittag im Amt, bis es so dunkel war, daß ich kaum noch die Worte sehen konnte, die ich in diesem Moment zu Papier bringe.» Und am 26. Oktober desselben Jahres heißt es: «Nach Hause und glücklich und zufrieden zu Bett, allerdings drohte die Kerze auszugehen, weshalb ich dies so eilig hinsudele.» Robert Latham versichert uns, daß das Manuskript an dieser wie jener Stelle so sauber und ordentlich ist wie überall sonst. Pepys hat ganz offensichtlich in einer früheren Fassung «gesudelt».

 

Wie diese frühere Fassung ausgesehen haben könnte, wird an zwei Stellen im Tagebuch deutlich. Nach dem 9. April 1668 folgen im Originalmanuskript leere Seiten, die für die Eintragungen vom 10. bis zum 19. April vorgesehen waren. Pepys hat sie nie nachgetragen. Ebenso im Zeitraum vom 5. bis 17. Juni desselben Jahres. Statt dessen ließ er später an dieser Stelle Notizen (in Kurzschrift) einbinden. Die Latham-&-Matthews-Edition gibt diese Notizen in allen graphischen Details wieder. Es handelt sich bei ihnen zuallererst um Abrechnungen: Ausgaben für Kutschen und Boote werden verzeichnet, Einkäufe aufgelistet, Preise notiert. Die einzelnen Posten sind durchgestrichen, Kosten mit einem Häkchen versehen. Daneben finden sich die täglichen Beobachtungen, die später den Text im Tagebuch ausmachen werden. Und selbst bei diesen Notizen handelt es sich bereits um eine bearbeitete, «revidierte» Fassung. Die Durchstreichungen der Ausgaben deuten darauf hin, daß Pepys sie in seinen Rechnungsbücher verbucht hat. Außerdem sind Fehler bei der Datierung verbessert, Beobachtungen am Rand und zwischen den Zeilen ergänzt.

 

Doch damit nicht genug. Wir wissen, daß Pepys neben seinem eigentlichen Tagebuch (und seinen Rechnungsbüchern) noch weitere Bücher führte: von einem «Historienbuch» («book of tales») ist häufiger die Rede, in das er Anekdoten, Geschichten aller Art eintrug, die ihm erzählt wurden. Für die Erbschaftsangelegenheit in Brampton, mit der er sich ab 1661 herumschlägt, führt er ein eigenes (Rechnungs-)Buch, und im Flottenamt führt er ein «Amtsmanual» (sein «Navy White-Book»), in das er alle Amtsnotizen übertrug. Robert Latham vermutet, daß sich Pepys’ endgültige Reinschrift aus all diesen Quellen speiste. Als er am 10. November 1665 sein Tagebuch nachtragen will, beklagt er sich: «Ich habe die Tage noch recht genau im Kopf, obwohl es mühsam ist, sich alles zu merken, doch es ging nicht anders, da ich mehrere Tage nicht in meine Wohnung konnte, wo ich meine Bücher und Papiere aufbewahre.» Kommt schließlich noch hinzu, daß Pepys sein Tagebuch in seiner Reinschrift noch einmal durchsah, Fehler verbesserte, Ergänzungen am Rand und zwischen den Zeilen einfügte – so daß Robert Latham alles in allem auf fünf Phasen kommt, die das Tagebuch durchlief, bis es in seiner endgültigen Form vorlag. In einer ersten Phase wurde gesammelt: Rechnungen, Protokolle, offizielle Schreiben, Zeitungen, eigene Notizen. In Phase zwei wurden diese «Daten» zusammengefügt zu jenen «Abrechnungen» kombiniert mit «Beobachtungen», wie er sie etwa in der Zeit vom 10. bis 19. April 1668 als Lückenbüßer verwendete. In einer dritte Phase wurden die «Abrechnungen» und die amtlichen Schriften in die Rechnungsbücher beziehungsweise die entsprechenden anderen Bücher übertragen und die für das Tagebuch vorgesehen «Beobachtungen» einer ersten Revision unterzogen. In Phase vier trug er seine revidierten Beobachtungen in sein Tagebuch ein, und in Phase fünf sah er das Eingetragene noch einmal durch und nahm letzte Verbesserungen vor.

 

Abgesehen von der Zeitfrage, wann er all das geleistet hat (die wir nicht klären müssen) – für einen Romanschriftsteller ist dies ein ganz normales Procedere. Und wer schon immer der Meinung war, daß Samuel Pepys im Grunde ein großer realistischer Erzähler zweihundert Jahre vor der Zeit ist, den wird der Befund von den Entstehungsphasen kaum verwundern. Überrascht sein dürfte, wer geglaubt hat, daß der Realismus, die «Natürlichkeit» der Pepys’schen Prosa, die jedem Leser, jeder Leserin so unmittelbar ins Auge springt, das Resultat eines «natürlichen», gleichsam unbewußten Schreibvorgangs wäre. Man kann mit gutem Grund Pepys einen verfrühten Vertreter des literarischen Realismus nennen. Aber was heißt hier Realismus? Man tut gut daran, sich vor Augen zu führen, daß das, was wir als literarischen Realismus kennen, keine «natürliche» Schreibweise ist, sondern ebenso artifiziell wie andere literarische Schreibweisen auch. So wie die Tragödie nach bestimmten Regeln verfährt, um Schaudern, und die Komödie, um Lachen zu erregen, so verfährt der erzählerische Realismus nach bestimmten Regeln, um in uns ein «Wirklichkeitsgefühl» zu erregen, und Samuel Pepys hat die Regeln dieser Kunst beherrscht.

 

 

 

II.

 

Das Leben ist ganz Beliebigkeit und Wirrnis; die Kunst ganz Unterscheidung und Auswahl.

Henry James

 

Am Anfang stand eine formale Entscheidung – die Entscheidung, jeden Tag aufzuschreiben. Stuart Sherman hat darauf hingewiesen,[2] daß dies das grundlegend Neue ist, was das Tagebuch von Samuel Pepys von allen anderen Tagebüchern vor ihm und noch lange nach ihm unterscheidet. Wie ein Tagebuch seiner Zeit aussah, zeigt uns ein Blick in das Tagebuch von John Evelyn. Der Mai 1667 etwa beginnt so:

 

1. Mai: Heute war der Tag der Almosenpfleger. Unser Vikar predigte über Matth. 25, 16. Aß zu Mittag mit den Almosenpflegern. Sprachen über Angelegenheiten der Gemeinde. 5.: Unser Pfarrer wie zuvor über den Römer-Brief. Abendmahl empfangen. 7.: Nach London zur Sternkammer. 8.: Abrechnungen gemacht mit unserem Steuereinnehmer. Mein Vermögen beläuft sich auf 33 936 Pfund 1 Shilling 4 Pence. 9.: Mit Lord Cornbery zu Mittag gegessen mit Don Francisco de Melos, dem portugiesischen Botschafter, einem Verwandten der Königin & verschiedenen Standespersonen. Anschließend ging ich zum Arundel House, um Mr. Howards Sohn zu begrüßen, der unlängst aus Frankreich zurückgekehrt ist. Dann nach Hause, wo ich mit den Kommissaren vom Flottenamt verabredet war. 11.: Nach London. Aß beim Herzog von Newcastle zu Mittag und unterhielt mich mit der Gräfin nach Tisch in ihrem Schlafzimmer, bis der Markgraf von Dorchester mit einer Gesellschaft kam. Dann nach Hause.

 

Das ist nicht sehr aufregend. Und doch könnte jeder dieser Einträge sich auch im Pepys’schen Tagebuch finden. Der bedeutsame Unterschied zwischen den beiden Tagebüchern ist, daß Pepys, durch seine Entscheidung, lückenlos jeden Tag zu dokumentieren – unabhängig von den eigentlichen Ereignissen –, ein Gefühl für die vergehende Zeit erzeugt. Er schafft Kontinuität.

 

Die Tage werden auf diese Weise als solche bedeutsam. Der 5. November 1667 verzeichnet zum Beispiel folgendes:

 

Aufgestanden und den ganzen Vormittag im Amt. Mittags zum Essen nach Hause und dann mit meiner Frau und dem Mädchen aus dem Haus. Setzte sie bei ihrem Schneider ab und fuhr zur Kammer der Lordkommissare, wo ich verschiedene Dinge für Tanger erledigte. Holte sie dann wieder ab und fuhr nach Hause. Ging, nachdem ich meine Briefe geschrieben hatte, da abends die Post abgeholt wurde, in mein Zimmer und erledigte auch dort verschiedene Dinge. Dann zum Abendessen und zu Bett.

 

All das ist nicht bemerkenswert. Er fährt zur Kammer der Lordkommissare, aber was genau er dort tut, sagt er nicht einmal. Warum die Sache überhaupt erwähnen? Und der Rest ist erst recht Alltagsroutine.

 

Dies ist die punktuelle Sichtweise. Die kontinuierliche Lektüre liest an dieser Stelle etwas ganz anderes. Wir schreiben, wie gesagt, das Jahr 1667. Im Sommer sind die Holländer in die Themse und auf den Medway eingedrungen, haben die nicht gefechtsbereiten englischen Linienschiffe in Brand gesteckt oder erobert. Als die Holländer bis nach Chatham vordringen, bricht Panik in der Bevölkerung aus. Das Land stürzt in der Folge in eine Finanzkrise. Pepys und seine Kollegen vom Flottenamt werden unmittelbar für das Desaster verantwortlich gemacht. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß macht ihnen das Leben schwer. Pepys muß um seine Stellung und sein Ansehen bangen. Und erst Ende August ist überraschend Lordkanzler Clarendon entmachtet worden, womit auch die Position des Herzogs von York, des Bruders des Königs, geschwächt ist, denn der Herzog von York ist der Schwiegersohn des Lordkanzlers. Der Herzog von York ist als Großadmiral gleichzeitig auch der direkte Vorgesetzte von Pepys und seinen Amtskollegen. Ein geschwächter Herzog von York verheißt nichts Gutes für die anstehenden Befragungen vor dem Untersuchungsausschuß. Und als wäre all das noch nicht genug, gibt es auch noch einen Quertreiber in den eigenen Reihen. Mr. Carkesse, ein Schreiber im Flottenamt, dem Pepys und seine Kollegen vorwerfen, Mißbrauch mit den Lohnscheinen für die Seeleute betrieben zu haben, fühlt sich ungerecht behandelt. Er dreht den Spieß um und beschwert sich vor dem Parlament über seine Vorgesetzten. In der Öffentlichkeit prahlt er, er werde Esquire Pepys an den Galgen bringen. Nun, so weit wird es gewiß nicht kommen, aber die Sache ist schrecklich ärgerlich, weil sie so überflüssig ist.

 

Ich hebe nur drei «Handlungsfäden» heraus von den vielen, die Pepys stets in Händen hält und zu jeder Zeit des Tagebuchs gewissenhaft fortspinnt. Was nun die «Deutung» des Tages angeht: Der 5. November 1667 ist eine Wohltat! Endlich einmal ein Tag ohne Hiobsbotschaften! Kein Untersuchungsausschuß, keine neuen Klagen von Carkesse. Die Routine des Alltags ist hochwillkommen. Wir gönnen unserem Helden die Verschnaufpause. Der Ärger wird noch früh genug wieder losgehen.

 

Und so kann ein Tag, an dem nichts passiert, doch so allerhand bedeuten. Gut, daß nichts passiert ist – zum Beispiel. Oder wir spüren Erschöpfung, was besonders gegen Ende des Tagebuchs der Fall ist, wo Pepys immer stärker unter Augenschmerzen leidet und sogar befürchtet zu erblinden. So daß er schließlich ganz mit Tagebuchschreiben aufhört.

 

Pepys schafft aber nicht nur Kontinuität im kalendarischen Sinn, er schafft sie auch innerhalb des Tages. Dazu bedient er sich einer Form, die er erst allmählich entwickelt, die ab Mitte 1662 immer deutlicher zum Tragen kommt, spätestens 1663 aber das Tagebuch bestimmt. Pepys beginnt nun seine Einträge in aller Regel mit dem charakteristischen «Aufgestanden» («Up») und schließt mit dem (in England sprichwörtlich gewordenen) «Und dann zu Bett» («And so to bed»).[3] Stuart Sherman schreibt: «Diese zweite Form von Kontinuität ist Fiktion. Die erste war es nicht. Daß Pepys jeden einzelnen Tag verzeichnet, entspricht einer empirischen Tatsache, die wir anhand eines Kalenders verifizieren können. Daß er aber das ‚Ganze’ eines Tages niederschreibt, ist unmöglich, da ein Text in diesem Sinne nie die Zeit erfassen kann.» Und Shermann zitiert Stevenson:[4] «There are not words enough in all Shakespeare to express the merest fraction of a man’s experience in an hour

 

Oder auf deutsch in den Worten Jean Pauls: «Es gibt keine Schrittzähler des Lebens, nur Siebenmeilenstiefelschrittzähler. Merkte ein Mensch alle Stunden, er brauchte ja ein Leben, um ein Leben zu erzählen.»[5]

 

Das «Aufgestanden» und das «Dann zu Bett» sind nicht die beiden einzigen Elemente, mit denen Pepys Kontinuität erzeugt, aber sehr wohl die beiden wichtigsten – wie das Theater den Vorhang braucht, der am Anfang aufgezogen und am Ende wieder heruntergelassen wird, um zu definieren, was zur Theaterrealität gehören soll und was nicht. Es sind formale Elemente, die rein «inhaltlich» gesehen ganz überflüssig wären. Wenn er am Vormittag im Amt fleißig arbeitet, ist natürlich klar, daß er aufgestanden sein muß. Und «Dann zu Bett» ist geradezu Unsinn: Ein Tagebuchschreiber, wie wir ihn uns vorstellen, der aufschreibt, was er am Tag erlebt hat, kann unmöglich schreiben, daß er zu Bett gegangen sei. Er kann höchstens schreiben: Ich gehe dann jetzt mal zu Bett.

 

Besonders in seiner üblichen Kombination «Aufgestanden und ins Amt» («Up and to the office») steht diese Formulierung nicht nur für die fiktionale Vollständigkeitsbehauptung, sondern sie setzt auch eine Dynamik in Gang: Aufwachen und ins Amt eilen ist für Pepys, wie es scheint, eins. Und hier nun tritt ein weiteres formales Element hinzu, das man als die «Und dann»-Struktur bezeichnen könnte. Scheinbar ein Primitivismus, tatsächlich aber die ebenso simple wie effektive Möglichkeit, die am Morgen in Gang gesetzte Bewegung bis zum Abend in Schwung zu halten. Spätestens ab dem Jahrgang 1663 wird Pepys uns das, was er morgens im Amt oder in der Börse erlebt und was er mittags zu Hause ißt und nachmittags in Whitehall tut oder im Theater sieht, nie vereinzelt präsentieren, sondern stets im Zusammenhang: Aufgestanden und ins Amt, dann zur Börse, von dort zum Mittagessen, anschließend nach Whitehall und zum Herzog von York, von dort ins Theater, dann nach Hause zum Abendessen und zu Bett. Eine Einstrichzeichnung, die nicht eher absetzt, bis das Bild fertig ist. Der so gezeichnete Tagesablauf ist tatsächlich ein «Lauf»: das «Aufgestanden» ist der Startschuß («up») und «Dann zu Bett» das Zielband.

 

So entsteht im Leser das Gefühl, überall dabei gewesen zu sein, ein Gefühl für Wirklichkeit, das aber doch lediglich eine fiktionale Leistung ist. Jede Fiktion wählt aus und arrangiert. Auch die realistische Fiktion. «Aufgestanden und ins Amt»? Er wird sich doch wohl vorher gewaschen haben! Iih, oder etwa nicht? Die hygienebewußte Leserschaft kann beruhigt sein: Er hat sich vorher gewaschen. Er hat nur nicht für nötig befunden, es zu erwähnen. Am 12. November 1664 verrät er es uns einmal: «Am Morgen glaubte ich, daß Mr. Coventry in die Stadt gekommen sei und sich im Amt aufhalte. Also rannte ich, ohne etwas gegessen oder getrunken und ohne mich gewaschen zu haben, ins Amt. Aber es stellte sich heraus, daß es nur Lord Berkeley war.»

 

Daß Pepys uns nicht alles erzählt, wird an vielen Stellen deutlich. Immer wieder heißt es, wie oben zitiert, «fuhr zur Kammer der Lordkommissare, wo ich verschiedene Dinge für Tanger erledigte», «ging in mein Zimmer und erledigte auch dort verschiedene Dinge». Er will uns nicht mit unwichtigen Details langweilen. Was wichtiger ist, ist der Verlauf der Bewegung. Deswegen darf keine der oben zitierten Anlaufstationen fehlen: Bett – Amt – Schneider – Lordkommissare – Arbeitszimmer – Bett.

 

Immer wieder lesen wir, daß er sich mit dem und dem trifft – «wie verabredet». Das Verabreden selbst haben wir nicht miterlebt. Pepys erzählt uns also nicht alles. Er läßt Unwichtiges fort. Das ist gut so – aber doch im Grunde nicht so verwunderlich. Pepys läßt aber auch Wichtiges fort. Am 18. Dezember 1667 lesen wir:

 

Aufgestanden und als erstes zu meinem Goldschmied gefahren, um 60l für Mr. Moore abzuheben, damit der Wechsel von Lord Sandwich eingelöst werden kann, denn er hat gesagt, daß er schon zufrieden wäre, wenn ich ihm nur 60l leihen würde. Das freut mich, denn ich hatte befürchtet, ich müßte die gesamte Summe aufbringen. Und ich leihe ihm das Geld in der Hoffnung, daß ich als Sicherheit das Silber erhalte, das mir von Mr. Cooke aus dem Besitz des gnädigen Herrn vor einigen Tagen zur Verwahrung geschickt worden war. Ich habe das Silber gestern abend bei mir zu Hause von Mr. Stokes dem Goldschmied wiegen lassen, und es hat sich gezeigt, daß es mehr als 100l wert ist.

 

Von Mr. Stokes haben wir am 17. Dezember nichts zu sehen oder hören bekommen. Warum erwähnt Pepys ihn nicht dort, wo er hingehört? Nun, es wird sich einfach nicht gefügt haben. Der 17. Dezember ist rund und perfekt, so wie er ist, die Erwähnung von Mr. Stokes hätte nur lange Erklärungen zum Thema «Darlehen für Lord Sandwich» gefordert, womöglich einen Vorausblick auf den morgigen Tag nötig gemacht. Am 18. ist das Thema «Goldschmied» (der ein Bankier ist) beziehungsweise «Darlehen» ohnehin dran, da fügt sich der kleine Rückblick leicht ins Ganze.

 

Daß Pepys seine Tagesberichte nach Kriterien der Erzählbarkeit arrangiert, nach Maßgabe seiner eigenen «Und dann»-Struktur, belegt noch ein weiteres, häufig verwendetes Verfahren, daß ich das «Nachklapp-Prinzip» nennen möchte. Wenn ein Tag sehr voll war, wenn dem Autor schier das «Und dann (then)»- bzw. «Von dort (thence)»-Reservoir ausgegangen zu sein scheint, dann folgt auf das finale «Und dann zu Bett» immer wieder einmal ein Nachtrag. So am 30. August 1667. Pepys war am Morgen als erstes nach Whitehall gefahren, wo er in der Ratskammer erfuhr, daß in der Westminster Hall ein wichtiger Rechtsfall verhandelt werden solle. Er entschließt sich, der Verhandlung beizuwohnen. Auf dem Weg dorthin macht er noch einen Abstecher zum Schatzamt, ob die Gelder für die Garnisonsstadt Tanger womöglich schon bereit liegen. Von dort begibt er sich in die Westminster Hall und wartet den ganzen Vormittag darauf, daß der Fall aufgerufen wird. Er wird aber nicht aufgerufen, und so zieht er also wieder von dannen ... So geht der Tag weiter. Pepys trifft Sir George Downing (den Sir George «No. 10 Downing Street» Downing), der ihm, Pepys, Staatsanleihen schmackhaft zu machen versucht. Später dann sieht Pepys auf dem Jahrmarkt, im Puppentheater, auch noch Lady Castlemaine, die Mätresse des Königs ... und so weiter und so fort, bis er schließlich nach Hause zurückkehrt. Er plaudert noch ein wenig mit seiner Frau – «und dann zu Bett». Einigermaßen erschöpft, wie wir vermuten dürfen. Doch der Autor setzt an dieser Stelle wie erfrischt von neuem an:

 

Traf heute Hauptmann Cocke in der Ratskammer, und er begleitete mich nach Westminster. Er sagte mir, daß man immer noch davon ausgehe, daß der Kanzler sein Siegel verlieren werde, und daß er sich sicher sei, daß der König genau das gesagt habe, nämlich demjenigen, der es dann wiederum ihm erzählt hat ...

 

Nicht daß er dies zu erwähnen vergessen hätte. In solchen Fällen, das wissen wir, hat er sich nicht gescheut, an der entsprechenden Stelle Ergänzungen vorzunehmen, am Rand, zwischen den Zeilen. Die Rede des Hauptmanns hätte oben einfach die Dramaturgie gestört. Pepys war gespannt auf den Fall, der in Westminster verhandelt werden sollte. Voller Erwartung begibt er sich dorthin, um dann enttäuscht zu werden. Für den Hauptmann war da kein Platz. Das Nachklapp-Prinzip zeigt, wie sehr Pepys auf die Form bedacht war (er war es in allem, was er tat), und gleichzeitig wie erfindungsreich: Er schickt einfach seinen Helden zu Bett und wechselt noch ein paar vertrauliche Worte mit dem Leser.

 

 

III.

 

Dann mit meiner Frau ins Herzogliche Theater, wo wir «Mustapha» sahen. Ich hatte es schon einmal gesehen, hatte es aber vergessen, so daß ich es wie ein neues Stück genießen konnte – was der Vorteil ist, wenn man sich solche Dinge nicht merken kann.

Samuel Pepys, Tagebuch (5. 1. 1667)

 

Das Stichwort Spannung ist gefallen. So richtig spannend war die Stelle oben nicht. Sie bildet eher Pepys Spannung ab, als daß sie im Leser eine solche erzeugte. Aber Pepys kann sehr wohl Spannung erzeugen und tut dies recht häufig. Und hier wird es wirklich sonderbar. Für wen macht es Peyps in seinem eigenen Tagebuch spannend? Er weiß doch, wie es ausgeht!

 

Spannend macht er es zum Beispiel, als das Flottenamt sich schließlich am 5. März 1668 vor dem Parlament wegen der Vorfälle im holländischen Krieg verantworten muß. Wie immer in solchen Fällen schicken die Kollegen Pepys vor. Er hat eine lange Rede vorbereitet, und er hat uns vorher wissen lassen, daß von dieser Verteidigungsrede alles abhängt, sein eigenes Schicksal wie das des gesamten Flottenamts. Der Anglist Levin L. Schücking hat diese Stelle in einem frühen Pepys-Essay[6] treffend nacherzählt:

 

Er arbeitet am Tage vorher bis zehn Uhr abends an seinem Plädoyer, fühlt sich dann müde und stumpf, voll Unzufriedenheit, kann nichts zum Abendessen zu sich nehmen, geht unwohl zu Bett, wacht nach drei Stunden wieder auf, erdrückt von der Schwere der Aufgabe und gequält von dem Gedanken an die Folgen eines etwaigen Fehlschlages für ihn selbst, plagt sich bis 6 Uhr morgens mit diesen Zweifeln, weckt dann «trostsuchend» seine Frau und – so fährt die Eintragung fort – «sprach mit ihr, und sie riet mir, das Amt bei der ersten sich bietenden Gelegenheit aufzugeben und mich nicht länger zu quälen. Etwas beruhigt durch das Gespräch, stand ich auf und ging ins Amt ... War um 9 Uhr mit allem fertig.» Er trifft ein paar Kollegen, die gleichfalls voll von der Sache sind, und stärkt sich durch einen gehörigen Schluck Sekt, nimmt dann noch etwas Brandy zu sich, «der mich wärmte, und mit dieser Wärme wuchs auch wirklich mein Mut». Zwischen elf und zwölf Uhr morgens steht er vor dem Parlament. «Das Haus war sehr voll, die Parlamentarier waren ganz offensichtlich vollzählig erschienen ... Man erwartete gespannt und voller Mißtrauen, wie wir uns zu verteidigen gedachten.» Aber die sorgfältige Vorbereitung hat ihre Früchte getragen, die Argumente fließen dem Redner zu, er spricht drei Stunden frei und ohne Unterbrechung, und als er aufhört, ist die Voreingenommenheit beseitigt, die Schlacht gewonnen, seine Behörde gerettet und sein Name berühmt. – Stellen wie diese, die den höchsten Reiz des Buches ausmachen, wird man in der erzählenden Prosa der Zeit noch auf lange vergeblich suchen.

 

Dabei tut Pepys an dieser Stelle durchaus nichts anderes als überall sonst in seinem Tagebuch. Er berichtet der Reihe nach, damit die Kontinuität gewahrt bleibt. Das Aufwachen (das diesmal weniger dynamisch ausfällt als sonst) wird ebenso erwähnt, wie das Ankleiden (das sich heute bis 9 Uhr hinzieht), nicht zu vergessen das Glas Sekt (bei dem es sich genaugenommen um Glühwein gehandelt hat, «mulled sack») und der Branntwein. Und all diese Nebensächlichkeiten werden nun, weil wir in Erwartung des «großen Ereignisses» sind, zu retardierenden Momenten, die uns auf die Folter spannen. An einer anderen Stelle (am 21. April 1666), weit weniger dramatisch, liest sich das so:

 

Früh aufgestanden und im Amt einige Unterlagen für die Sitzung am Nachmittag beim Herzog vorbereitet, in der es um meine Vorschläge zur Neuregelung der Dienstvorschriften für die Proviantmeister gehen soll. Dann zur Sitzung des Flottenamts und anschließend wieder die Angelegenheit der Proviantmeister vorbereitet, bis 3 Uhr nachmittags, dann nach Hause, einen Happen Fleisch hinuntergeschlungen und anschließend mit Sir W. Batten auf den Weg nach Whitehall gemacht. Doch der Herzog rüstete sich gerade zu einer Spazierfahrt aufs Land und verschob die Sitzung auf morgen früh.

 

Er hätte es auch anders sagen können: Den ganzen Tag bereite ich mich auf diese Sitzung vor, und dann sagt der Herzog von York sie ab, wegen einer Spazierfahrt! Aber nein: wir lesen von einem Pepys, der noch bis 3 Uhr nachmittags felsenfest davon überzeugt ist, daß die Sitzung stattfindet, weswegen er ja auch nur einen Happen Fleisch hinunterschlingt («home ... to clap a bit of meat in my mouth»), und bei jemandem, dem ein ordentliches Mittagessen über alles geht, will das etwas heißen. Der Pepys aber, der dies schreibt, muß sich dumm stellen. Er muß so tun, als wüßte er in der Tat nicht, «wie es ausgeht».

 

An einem Sonntag im Juni desselben Jahres berichtet Pepys, daß er am Vormittag in Whitehall erfährt, daß «ein großes holländisches Schiff explodiert und drei weitere in Brand geraten seien» – es ist Krieg. Und er fährt fort: «Zufrieden mit diesen guten Nachrichten fuhr ich mit dem Boot nach Hause.» Die Zufriedenheit hält an, und als er im Gottesdienst Betty Mitchell trifft, folgt er ihr nach Hause und «machte que je voudrais avec ihr». Dann begibt er sich wieder nach Whitehall –: «Hörte dort die schlechte Nachricht, daß der Prinz gestern abend ... um 10 Uhr Dover erreicht habe. Von einem Gefecht habe er dort nichts gehört. Alle unsere Hoffnungen ... waren also vergebens.» Die frohe Kunde vom Vormittag war bloß ein Gerücht. Der schreibende Pepys, der das auch schon vorher wußte, hat erfolgreich dicht gehalten. Diese partielle Amnesie des Schreibers ist um so bemerkenswerter, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß Peyps sein Tagebuch blockweise verfaßt hat. Wenn er also am 1., 2., und 3. Januar Material sammelt und sich am 4. Januar hinsetzt, um diese Tage in seinem Tagebuch «nachzutragen», darf der Pepys vom 1. Januar tatsächlich noch nichts vom 2. Januar wissen und dieser nichts vom 3. und 4. Januar. Was dies mitunter für Konsequenzen hat, illustriert der 24. April 1661: Die Krönungsfeierlichkeiten sind vorüber. Pepys, der am Anfang seiner Tagebuch-Karriere überhaupt ein ziemlicher Zecher war, hat sich nicht zurückgehalten. «Erwachte am Morgen», heißt es, «mit furchtbarem Schädelbrummen als Folge des Trinkgelages der letzten Nacht, was ich sehr bereue.» An diesem Tag macht er sich daran, «die letzten drei Tage im Tagebuch nachzutragen». Man lese die drei Tage nach, von Reue weit und breit keine Spur.

 

Ich kann es nicht beweisen, aber ich bin fest davon überzeugt, als er die drei Tage zu Papier bringt, als er das große Trinkgelage beschreibt, sind die Kopfschmerzen, ist die Reue für den Moment wirklich vergessen – und, so möchte ich schlußfolgern, auch in der Beschreibung seiner großen Verteidigungsrede im Jahr 1668 wird er mit Bangen seinem Helden gefolgt sein und sich noch einmal mit ihm gefragt haben: Wie das wohl ausgeht?[7]

 

IV.

 

Geschichte entsteht nicht von einem Zentrum her, sondern von der Peripherie. Aus kleinen Ursachen.

Robert Musil

 

Wir haben das «große Ereignis» der Verteidigungsrede oben ein wenig aus den Augen verloren. Kein Wunder, denn es hat in Pepys’ Bericht nicht mehr Raum eingenommen als die anderen Vorkommnisse auch. Es hat sich eingereiht in die Reihe der vermeintlichen Nebensächlichkeiten – dem Gespräch mit der Frau, dem Ankleiden, dem Branntweintrinken – die, wie wir nun feststellen, durchaus keine Nebensächlichkeiten sind, sondern wesentlich. Das vermeintlich große Ereignis hat sich lediglich als ein weiteres Glied in der unendlichen Kette von Ursache und Wirkung erwiesen. Rund achtzig Jahre nach den von Pepys geschilderten Begebenheiten, im Jahr 1749, wird der Schriftsteller Henry Fielding in seinem Roman «Tom Jones», der den Beginn der realistischen Erzähltradition in England markiert, das Credo des literarischen Realismus formulieren: «The greatest events are produced by a nice train of little circumstances» – die größten Ereignisse sind das Ergebnis einer Folge vieler kleiner Umstände.

 

Sogenannte «große Ereignisse» finden sich viele im Tagebuch, die Pest von 1665, der zweite holländische Krieg von 1665 bis 1667, der große Brand von London von 1666. In gewisser Hinsicht das größte von allen aber ist die Rückkehr des Königs, Charles II., im Jahr 1660. Einen prächtigeren Einstieg hätte sich kein Autor ausdenken können. Edward Mountagu, der spätere Graf Sandwich, Pepys’ adliger Verwandter, wird als Flottengeneral damit beauftragt, den König in Holland in Empfang zu nehmen und nach England zu eskortieren. Pepys wird Mountagus Sekretär auf See. Er geht am 23. März an Bord. Eine ganze Flotte rückt jetzt langsam die Themse flußabwärts. Sehr langsam. Denn noch immer sind die Gespräche zwischen London und Den Haag in vollem Gang, Ungewißheit herrscht auf beiden Seiten, alte Puritaner bekehren sich in aller Eile zu neuen Monarchisten, der König verspricht eine Generalamnestie. Die Nervosität ist groß. In Den Haag, schreibt Pepys an einer Stelle, sei ein Portugiese festgenommen worden, «da er beabsichtigt habe, den König zu töten. Doch später hörte ich, es sei nur ein Mißverständnis gewesen, da man jemanden gesehen hatte, der mit blankem Degen herumlief, er hatte aber nur seine Scheide verloren.» Die Naseby, die schon bald zur Charles umgetauft werden wird, ist in diesen Tagen die schwimmenden Schaltzentrale, in der sämtlich Fäden, die Gespräche und Vorbereitungen, zusammenlaufen. Kein Beschluß, keine Order, die nicht über den Schreibtisch von Sekretär Pepys ginge. Er hat alle Hände voll zu tun, findet aber noch die Zeit, zu musizieren, zu trinken, zu kegeln, und mit topmodernen Fernrohren sieht man schönen Holländerinnen nach, die man auf den vorbeifahrenden Schiffen ausmachen kann. Erst am 14. Mai, fast zwei Monate später, erreicht man die holländische Küste. Pepys nutzt die Gelegenheit, um Den Haag zu besichtigen, und er ist begeistert von der Eleganz, die er antrifft. «Jedermann von Stand spricht französisch oder lateinisch oder beides. Die Frauen, viele von ihnen sehr hübsch, sind nach der neusten Mode gekleidet und tragen schwarze Schönheitspflästerchen.» Er kauft sich Bücher, unter anderem Bacons «Organon», und Noten. Doch noch immer ist von dem König nichts zu sehen. Die Vorbereitungen betreffen nun vor allem die Kleiderfrage. Am Nachmittag des 15. Mai ruft Edward Mountagu, «der gnädige Herr», Pepys zu sich, «um mir seine schönen Kleider zu zeigen, die jetzt angekommen sind. Und sie sind wirklich sehr kostbar – über und über mit Gold und Silber verziert. Nur sein Degen gefällt ihm und mir nicht». Mr. Pickering, ein weiterer Verwandter Mountagus, ist offensichtlich weniger geschmackssicher. Am frühen Abend des 16. Mai, schreibt Pepys, «kam Mr. John Pickering an Bord und sah mit seinen Federn und dem neuen Rock, den er sich in Den Haag hatte machen lassen, aus wie ein wahrer Geck.» Am 17. Mai ist der große Tag endlich gekommen. Pepys und einige Reisegefährten, darunter «Mr. Edward», der junge Sohn Mountagus, nutzen die Gelegenheit, einen ersten Besuch bei Charles II. in Den Haag zu unternehmen:

 

Vor dem Mittagessen fuhr ich mit dem jungen Mr. Edward, mit W. Howe, Pym und meinem Bursche nach Scheveningen, wo wir eine Kutsche nahmen und dann nach Den Haag fuhren, wo wir jemanden aufzutreiben versuchten, der uns inkognito zum König bringen würde. Ich traf Kapitän Whittington (der seinerzeit einen Brief vom Londoner Bürgermeister an den gnädigen Herrn überbracht hatte), und er erklärte sich bereit, es zu tun, doch zuerst gingen wir essen – in einem französischen Speisehaus, und wir zahlten stolze 16s für unseren Anteil. Während wir aßen, kam Dr. Cade herein, ein Hauskaplan des Königs, ein sonderbarer Kauz. Diese beiden nahmen nach dem Essen den jungen Mr. Edward und mich mit (die anderen paßten nicht mehr in die Kutsche), um den König aufzusuchen, der den Jungen sehr liebevoll küßte, und wir küßten dem König die Hand und dem Herzog von York und der Kronprinzessin. Der König scheint ein sehr verständiger Mann zu sein, und betrachtet man die Anzahl der Standespersonen, die um ihn sind, hält er bereits prächtig Hof. Er trägt kostbare, englische Kleider. Vom König zum Lordkanzler, der von Gicht geplagt und bettlägerig war. Er plauderte sehr vergnügt mit dem Jungen und mir.

 

Wohlgemerkt, der Lordkanzler. Wir haben den König bereits wieder verlassen. Ein «großes Ereignis» sieht anders aus. Wir spüren, wir haben es mit dem wirklichen Leben zu tun.

 

Erst am 23. Mai geht auch der König an Bord. «Die Kanonen feuerten unablässig Salut», schreibt Pepys, «und zwar absichtlich durcheinander, was besser ist, als wenn es unabsichtlich geschieht.» Am 25. Mai legt man ab und der gnädige Herr, Edward Mountagu, «war überaus erleichtert und froh, daß alles so abgelaufen war, wie er es geplant hatte, ohne den geringsten Zwischenfall und zur Zufriedenheit aller». – Erst am 9. Juni wird man im übrigen wieder zurück in London sein.

 

Aber hält denn die Rückkehr des Königs so gar keinen ergreifenden Moment bereit? Doch. Einmal ist Pepys zu Tränen gerührt. Dies bezeichnenderweise bei Anhörung einer Geschichte, die der König ihm und einigen Umstehenden erzählt: «Auf dem Achterdeck begann er von seiner Flucht aus Worcester zu erzählen, und es trieb mir die Tränen in die Augen, zu hören, welche Mühen er erlitten hatte, wie er vier Tage und drei Nächte zu Fuß unterwegs gewesen war, bei jedem Schritt bis zu den Knien im Schlamm versinkend, mit nichts als einem grünen Mantel und einer Bauernhose bekleidet und einem Paar Bauernschuhe, von denen seine Füße so wund wurden, daß er kaum mehr laufen konnte.»

 

Pepys wußte eine einfach gestrickte Geschichten sehr wohl zu schätzen – das zeigt schon seine große Vorliebe für das Theater und ganz besonders für das Pulcinella-Puppentheater. Die rührende Geschichte des Königs fragt nicht nach den vielen kleinen Umständen, die dazu geführt haben, daß der junge Charles bei Worcester eine Schlacht gegen sein eigenes Volk schlagen und darauf nach Frankreich fliehen mußte. Sie hat nur Augen für den einsamen jungen Mann, der sich seinen Weg in Holzpantinen durch den Morast bahnt. Eine entschieden eingeschränkte Sicht auf die Dinge. Für sein eigenes schriftstellerisches Vorhaben, in seinem Tagebuch, konnte Pepys diese Sichtweise nicht gelten lassen. Er sah einfach zu viel. Wie hier – man will gerade in Dover landen:

 

Ich und Mr. Mansell und ein Diener des Königs mit einem Hund, den der König sehr liebt, fuhren in einem eigenen Boot (und der Hund machte im Boot einen Haufen, worüber wir sehr lachen mußten, weil er einem König gehört und sich doch nicht von anderen unterscheidet).

 

 

V.

 

Never trust the artist. Trust the tale.

D. H. Lawrence

 

Pepys sieht viel. Aber er sieht natürlich nicht alles. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich deutlich von einem wirklichen Schriftsteller, der «allwissend» über seinen fiktionalen Stoff verfügt. Pepys ist selbst handelnde Person, ist befangen, sieht die Dinge ausschließlich aus seiner Perspektive. Wie richtig kann er die Dinge da sehen? Am 29. Oktober 1663 beschreibt er ein Bankett beim Bürgermeister von London:

 

Verspätet traf auch der französische Botschafter ein. Er ging an den Tisch der Lords, wo er eigentlich hätte sitzen sollen. Als er seinen Platz besetzt fand, wollte er nicht am Tisch des Bürgermeister sitzen, der noch nicht eingetroffen war, und auch keinen Tisch für sich allein haben, wie man ihm angeboten hatte, sondern entfernte sich mißgelaunt.

 

Eine von vielen Beobachtungen, die Pepys bei diesem traditionellen Festessen am Tag der Bürgermeisterwahl macht. Erst kommt der französische Botschafter zu spät, und als man ihm freundlicherweise einen Ersatz für seinen inzwischen besetzten Platz anbietet, reagiert er beleidigt.

 

Das kann man auch anders sehen. In einem Brief an Ludwig XIV. beschreibt der Botschafter, Gaston Jean-Baptiste Comte de Cominges, den Vorfall so:

 

Ich ging geradenwegs auf den (vollbesetzten) Tisch zu und wollte eine scherzhafte Bemerkung machen, den guten Appetit der Herren betreffend, doch man begegnete mir so kühl und wortkarg, der Kanzler und die bei ihm saßen, erhoben sich nicht einmal von ihren Plätzen, daß ich es geraten fand, mich zu entfernen.[8]

 

Wir müssen nicht entscheiden, wer von beiden recht hat. Beide Berichte wirken überzeugend. Halten wir nur fest, daß jeder Berichterstatter stets seine Sicht der Dinge wiedergibt. Der Wechsel von der Außensicht (Pepys’) zur Innensicht (des Botschafters) ändert unsere Meinung, was sich an dem besagten Tag im Rathaus ereignet hat, erheblich. Aus diesem Grund bedient sich der realistische Roman denn auch des Mittels des Perspektivenwechsels, indem zunächst aus der Sicht von Person A erzählt wird, dann aus der Sicht von Person B. Das Bild A wird so korrigiert und ergänzt. Aber «objektiv» wird es auf diese Weise eigentlich nicht. Denn warum sollte die Sichtweise von Person B nicht genauso «falsch» sein wie die von Person A. Ganz offensichtlich hat auch der französische Botschafter seinem König nicht alles erzählt. Natürlich hat er versucht, sich in ein möglichst gutes Licht zu rücken. Deswegen betont er, wie freundlich er auf die Engländer zuging. Daß man ihm einen anderen Platz anbot, davon erwähnt er nichts. Die Polyperspektivik des realistischen Romans ist denn auch durchaus nicht das Mittel zur Erzeugung der letztgültigen Objektivität. Mit dem Wechsel der Perspektive wird vielmehr der Anspruch auf Objektivität generell in Frage gestellt.

 

Auch Pepys’ Tagebuch kennt den Perspektivenwechsel. Er ergibt sich schon dadurch, daß sein Verfasser unablässig in Bewegung ist und ganz konkret räumlich fortwährend die Perspektive wechselt. Er befindet nicht nur vom Schreibpult aus über eine Hanflieferung, sondern er rennt zur Werft und stellt vergleichende Versuche mit ausländischem und mit einheimischem Tauwerk an, spricht mit den Seilern, mit Händlern, und holt immer noch eine zweite und dritte Meinung ein. (Auch eine Form der Stimmenvielfalt.) Große Teile des Tagebuchs geben unkommentiert wieder, was wer gesagt hat, in der Börse, in der Westminster Hall, im Kaffeehaus, auf den Werften, in Schloß Whitehall, im Theater, auf der Straße, teilweise in wörtlicher Rede. Viele Anekdoten hören wir zwei-, ja dreimal, weil Pepys sie zu verschiedenen Zeiten, von verschiedenen Leuten erzählt bekommen hat, mit leichten Akzentverschiebungen oder sich komplett widersprechend.

 

Im Jahr 1667 lernt Pepys einen Mann kennen, der dem König auf seiner Flucht seinerzeit Anno ’51 das Schiff besorgt hatte, mit dem dieser dann nach Frankreich übersetzte. Pepys erzählt nach: «Der König hatte ihm dafür später eine Leibrente von 200l per annum zugewendet, aber die Zahlung ist eingestellt worden. Der arme Mann hat seit vier Jahren kein Geld erhalten und nagt am Hungertuch und muß noch befürchten, daß man ihm die Leibrente besteuert. Er wußte viele interessante Einzelheiten von der Überfahrt des Königs zu berichten, was sehr unterhaltsam war, aber doch zeigt, daß auch ein König ein gewöhnlicher Mensch ist, voller Makel, und zur Schwachheit neigt, wie andere Menschen auch.» Früher oder später werden auf diese Weise die Einzelheiten nachgereicht, die in der früheren Version keine Berücksichtigung fanden.

 

Es ist einer günstigen Verhaltensdisposition des Autors zuzuschreiben, daß er nie mit einer Geschichte, einem Fall, einer Person «fertig» war. Auch mit der Geschichte von der Flucht des Königs war er nicht fertig, denn wir wissen, daß Pepys im Jahr 1680 auf Wunsch des Königs diese Geschichte zu Papier brachte. Natürlich die königliche Version. Ich möchte wetten, sie hat ihm erneut die Tränen in die Augen getrieben, denn so verfährt er im Tagebuch: Er läßt die verschiedenen Sichtweisen ein und desselben Sachverhalts unwidersprochen nebeneinander bestehen. Jeder, der etwas zu sagen hat, erhält bei ihm die Gelegenheit, sich auf seine Weise zu irren.

 

Robert Musil hat dieses Verfahren in dem Roman «Anna Karenina» als ein wesentliches Element der realistischen Erzählkunst Leo Tolstois ausgemacht:

 

Nie sieht ein Mensch irgendwie aus, sondern immer bemerkt ein anderer, daß er so aussieht. So streng, daß von Karénins Händen als von groben und knochigen gesprochen wird, wenn Anna sie sieht, von weichen, weißen, wenn dies Lydia Iwanowna tut ... So entsteht der starke Eindruck des Nebeneinanderbestehens der verschiedenen Weltbilder ... man sieht wie z. B. Anna aussieht, wenn sie wohlwollend und wenn sie nicht wohlwollend empfunden wird.[9]

 

Ganz und gar nicht wohlwollend äußert sich Pepys für gewöhnlich über seine Kollegen im Flottenamt. Ja, gewiß, Sir William Batten und Sir John Mennes sind alt (beide in den Sechzigern), sie arbeiten zu langsam (das sagt auch Sir William Coventry) und sind nicht erpicht auf die Neuerungen, die ihr junger übereifriger Kollege anstrebt (was allerdings verständlich ist). Pepys wirft Batten darüber hinaus vor, bestechlich zu sein. Aber derselbe Pepys berichtet uns doch auch, daß er selbst ganz und gar nicht unempfänglich ist für die Zuwendungen der Lieferanten. Auch kann Mennes nicht nur der «alte Narr» sein, als den ihn Pepys so gern bezeichnet, denn wir erfahren doch auch aus dem Tagebuch, daß derselbe Mennes, der als Verfasser humoristischer Gedichte im Land einen gewissen Ruf genießt, im Gespräch sehr geistreich und witzig sein kann. Daß Sir William Penn ein Heuchler war, mag stimmen. Er fuhr die teuersten Kutschen, aber zu Hause bei der Bewirtung seiner Gäste knauserte er. Aber er war doch mehr als bloß ein Heuchler. Das können wir schon daraus schließen, daß Penn, wie wir aus dem Tagebuch erfahren, beim Herzog von York, dem Großadmiral, höchste Wertschätzung genießt. Tatsächlich ist Penn derjenige, der im Flottenamt über das größte Wissen in nautischen Fragen verfügt. Im Bürgerkrieg war er Konteradmiral und Vizeadmiral, am zweiten holländischen Krieg nimmt er erfolgreich als Flaggkapitän teil. Pepys wird einfach neidisch auf ihn gewesen sein.

 

Pepys darf seinen Kollegen natürlich unrecht tut, es ist ja sein Tagebuch. Wenn er Penn stereotyp einen «Halunken» nennt, begreifen wir recht bald, daß dies Entlastungsfunktion hat, denn im alltäglichen Umgang mit ihm muß er sich schließlich zusammennehmen. Er durfte es aber auch aus einem anderen Grund. Drei der vier Leiter des Flottenamts, Batten, Mennes und Pepys, sowie Kommissar Penn und noch einige weitere Kollegen, arbeiten nicht nur zusammen, sondern sie wohnen auch in dem Amtsgebäude in der Seething Lane nördlich vom Tower in einer Art feudaler Wohngemeinschaft. Wenn Pepys in seinem Keller in Kot tritt, dann ist beim Kollegen Turner nebenan ganz offensichtlich die Sickergrube übergelaufen. Wenn bei Sir John Mennes früh morgens die Kaminfeger am Werk sind, denkt Pepys, bei ihm in der Wohnung seien Einbrecher. Die große Nähe schafft familiäre Verhältnisse. Daher die harsche Kritik: Man kennt sich zu gut. Außenstehende können da leicht einen falschen Eindruck bekommen, denn im Zweifelsfall hält die Familie natürlich zusammen: «Anschließend den ganzen Vormittag im Amt. Mittags waren Sir W. Coventry und alle übrigen Kollegen so heiter wie seit Monaten nicht mehr – und das nur, weil Sir W. Batten sich fortwährend in gespieltem Ernst beklagte, daß er Hunger habe und endlich zum Essen gehen wolle.» Auch diese Albernheiten kennt man, sie funktionieren nur intern, von außen betrachtet sind sie – nun, eben albern. Die Komik, die man dem Pepys’schen Tagebuch sehr zu recht attestiert hat, hat hier ihren Ort: indem wir mehr sehen, als Pepys uns an dieser oder jener Stelle sagt, und wir können es sehen, weil derselbe Pepys uns an anderer Stelle die nötigen Informationen dazu gegeben hat. «Never trust the artist, trust the tale», hat D. H. Lawrence gefordert.[10] In der Tat: Mag der Pepys der Stellen sich auch irren – auf das Tagebuch als Ganzes ist Verlaß. 

 

 

‹Der Aufsatz ist Teil des Begleitbands, des Samuel Peyps Companion, zur ersten vollständigen deutschen Ausgabe der Tagebücher 1660-1669 von Samuel Pepys – aus dem Englischen übersetzt von Georg Deggerich, Michael Haupt, Arnd Kösling, Hans-Christian Oeser, Martin Richter, Marcus Weigelt, herausgegeben von Gerd Haffmans und Heiko Arntz – im Haffmans Verlag (Haffmans & Tolkemitt Verlag), Berlin 2010.›

 



[1]Tatsächlich hat man Pepys für die phänomenale Gedächtnisleistung gerühmt, die sein Tagebuch darstelle. Eine genaue Lektüre des Tagebuchs hätte gezeigt, daß es mit Pepys’ Gedächtnis nicht so weit her war: Am 18. Januar 1661 etwa konsultiert Pepys seinen Hausarzt Mr. Hollier – «auch meine zunehmende Vergeßlichkeit betreffend». Später wird er mit dem großen Gedächtniskünstler John Wilkins über seine Vergeßlichkeit sprechen. Und die greifbaren Fälle von Gedächtnislücken sind Legion im Tagebuch: er vergißt nicht nur seinen Hochzeitstag, sondern auch die genaue Jahreszahl, wann seine Blasensteinoperation stattgefunden hat. Am 26. März 1669: «Es ist der Jahrestag meiner Steinoperation – wie viele Jahre es genau her ist, weiß ich allerdings nicht, wohl zehn oder elf.» (Elf.) Und im Gespräch mit Sir William Coventry kann er sich nicht daran erinnern, ob er sein Tagebuch nun acht und zehn Jahre führt.

[2] In seinem Buch «Telling Time. Diaries and English Diurnal Form, 1660-1785», Chicago University Press 1996 (S. 32 – 35).

[3] «And So To Bed» heißt auch ein Samuel-Pepys-Musical von Vivian (John Herman) Ellis, das 1951 in London Premiere hatte und 323 Aufführungen erlebte (nach der gleichnamigen Komödie von J. B. Fagan).

[4] Aus Stevensons Walt-Whitman-Aufsatz in «Familiar Studies on Men & Books».

[5] In «Ideen-Gewimmel», Frankfurt: Eichborn 1996, S. 233.

[6] Levin L. Schücking, «Essays über Shakespeare, Pepys, Rossetti, Shaw und andere», Wiesbaden 1948, S. 77f. Das wörtliche Zitat ist unserer Übersetzung entnommen.

[7] Georg Christoph Lichtenberg schreibt an einer Stelle in seinen Sudelbüchern, daß wir allein durch die Verwendung des Reflexivpronomens «mich», wie in «ich setze mich», uns auf sonderbare Weise in zwei teilen. Pepys hat sich diese sprachliche Bewußtseinsspaltung geschickt zunutze gemacht, vor allem mit seinen «Gelübden», den Verboten und Geboten, die er (spätestens ab 1661) jeweils am Jahresanfang schriftlich zu fixieren und jeden Sonntag «feierlich» durchzulesen pflegte. Auf dem Umweg der Sprache und der Schrift gelingt es ihm spielend, sich selbst zu überlisten, wie etwa der 27. März 1667 zeigt: «Tranken guten Wein, ich nur Glühwein, was ich mir in letzter Zeit angewöhnt habe – weiß Gott aber nur, um nicht gegen mein Gelübde zu verstoßen, und die List wird mir nichts mehr nützen, wenn es jetzt wieder wärmer wird.»

[8] Zitiert nach Robert Latham & William Matthews (Hgg.), «The Diary of Samuel Pepys», London: Bell & Heymann / Berkeley u. Los Angeles: University of California Press 1970-1983, Bd. 4, S. 355.

[9] Robert Musil, «Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden», hg. von Adolf Frisé, Hamburg: Rowohlt 1955, S. 139.

[10] D. H. Lawrence, «Studies in Classical American Literature», 1923.