Fritz Mauthner ‹22. 11. 1848 Horzitz (Hořice) / Böhmen – 29. Juni 1923 Meersburg am Bodensee›

 

Wuchs ab seinem sechsten Lebensjahr in Prag auf. Studierte Jura und arbeitete als Gehilfe in einer Anwaltskanzlei. Schrieb nebenher erzählende Prosa und Feuilletons. Ab 1876 in Berlin, wo er als Literatur- und Theaterkritiker für das ‹Berliner Tageblatt› arbeitete.

 

Ab 1878 veröffentlichte Mauthner im ‹Deutschen Monatsblatt› Parodien auf berühmte zeitgenössische Dichter; die Buchausgabe ‹Nach berühmten Mustern› wurde ein Bestseller. 1882 erschien sein erster Roman, ‹Ahasver›, 1888 die Pressesatire ‹Schmock›. Ab 1892 Herausgeber der Zeitschrift ‹Deutschland›.

 

Zur selben Zeit Arbeit an seinem philosophischen Hauptwerk, den ‹Beiträgen zu einer Kritik der Sprache› (die 1901/02 in drei Bänden erscheinen sollten; überarbeitete Neuauflage ab 1906) – ausgehend von der Überlegung, daß Philosophie Erkenntniskritik sei und Erkenntniskritik Sprachkritik (zu sein habe). Um es nur gleich zu sagen: Mauthner gelingt das Unmögliche: «ein Buch zu schreiben gegen die Sprache in einer starren Sprache» (Vorwort) – die bei Mauthner aber überaus lebendig und belebend daherkommt, um auf die denkbar unterhaltsamste Weise zu belegen und uns erkennen zu lassen, «daß Welterkenntnis durch die Sprache unmöglich sei».

 

Ab 1898: Augenprobleme, die ein Erblinden befürchten lassen; Depressionen. Zusammenarbeit mit Gustav Landauer. Ab 1905 in Freiburg i. Br., wo er Martin Buber kennenlernte; Beitritt zur neugegründeten Kant-Gesellschaft. Ab 1909 in Meersburg.

 

1910/11 erschien die Erstausgabe in zwei Bänden seines ‹Wörterbuchs der Philosophie› (erweiterte Neuausgabe in drei Bänden 1923/24), das den Untertitel führt «Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache». Wieder, wie in dem Vorläuferwerk, geht es darum zu zeigen, «daß die Menschen mit den Wörtern ihrer Sprachen und mit den Worten der Philosophie niemals über eine bildliche Darstellung ihrer Welt hinaus kommen» (Mauthner nennt Sprachkritik die Arbeit an diesem «befreienden Gedanken»). Jetzt aber nicht in einem großen systematischen Werk, sondern – dem Zufallsprinzip des Alphabets folgend – in punktuell-essayistischer Form.

 

Neu entwickelt Mauthner in diesem Werk seine Lehre von den «Drei Bildern der Welt». Gemeint sind drei «Kategorien» der Welterkenntnis (oder «Gesichtspunkte» oder «Aussage-Möglichkeiten»), aufgrund deren wir drei voneinander getrennte Bilder der einen Welt zeichnen, nämlich ein «adjektivisches», ein «substantivisches» und ein «verbales» Bild. Die einzige uns unmittelbar zugängliche Welt ist dabei die adjektivische. Es ist die Welt der (erfahrenen, empfundenen) Eigenschaften (heiß, kalt, laut, leise, wohltuend, schmerzhaft). Diese Welt teilen wir mit allem Leben. Sie allein verdient unsere Wirklichkeitswelt genannt zu werden, denn sie ist unabhängig von Sprache.

 

Die verbale Welt ist schon einzig und allein lediglich Menschenwelt. Es ist die Welt des Wahrnehmens (in der Zeit), des Messens und Bewertens; die Welt der Veränderung; die Welt der Zwecke; die Welt des tätigen Menschen, der handelt im Einklang mit seiner Weltsicht, die immer nur (historisch gewachsene) Menschensicht ist.

 

Die substantivische Welt schließlich ist vollends eine unwirkliche Welt. Es ist die Welt der Substantive, d. h. der Abstraktionen, die Welt der Götter und (Wort-) Gespenster. Nicht erst wenn wir die reale Erfahrung der Unmöglichkeit einer umfassenden Welterkenntnis mit dem Abstraktum «Gott», «Ding an sich», «Wille» oder «Nirwana» bezeichnen, verwandeln wir etwas Unwirkliches (was kein Mensch je erfahren hat, was sich nicht erfahren läßt) in ein Scheinwesen (weil uns jedes Nomen wie ein Eigenname den Eindruck einer individuellen Persönlichkeit suggeriert). Jedes Adjektiv, das wir in ein Substantiv verwandeln, wird zu einem Ding, das jetzt neben der eigentlich gemachten Erfahrung zu existieren scheint. Mir kann «kalt» sein, aber was ist «Kälte»? Die Rose sieht rot aus, aber was wäre «Röte»? Was die «Grünheit» des Rasens? Jemand ist «schnell», aber es gibt keine «Schnelligkeit» als solche. Jemand ist «ehrlich», aber was ist «Ehrlichkeit»? Man kann einen Menschen sehr wohl als «geisteskrank» bezeichnen, aber eine Definition für «Geisteskrankheit» wird man nie finden.

 

Substantive (nicht nur substantivierte Adjektive) sind (zu bestimmten Zwecken gebildete) Zusammenfassungen von (mehr oder weniger) gleichen (sich gleichenden) ehemals individuellen Erfahrungen – die die unangenehme Eigenschaft haben, sich zu verselbständigen und den Wortschöpfer (den Menschen) zu tyrannisieren (man denke an Begriffe wie Ehre und Patriotismus, Wirtschaft und Wachstum und dergleichen).

 

(Man hält jemanden vielleicht aus guten Gründen für «klug», redet aber unbedacht von «Klugheit». Wenn dieses Wort noch zu sehr nach dem Pfiffikus klingt, der am Anfang als Beispiel für den Begriff gedient hat, bleibt einem immer noch, auf ein Fremdwort auszuweichen, und so spricht man dann von «Intelligenz», die erst recht ein künstliches Gebilde ist. Wenn schließlich ein Modethema wie «künstliche Intelligenz» aufkommt, wird es vollends delirös. Es ist klar, daß die Werbesprache sich diese Verwirrung zunutze macht. Worum es bei dem Thema «KI» letztendlich geht, sagt mir unmißverständlich ein dpa-Text im Februar 2018 («Alltagsplaner in der Hosentasche») in seinem Untertitel: «Schlaue Smartphones [auch schön!] organisieren den Kino-Abend ganz allein: Hersteller sehen die künstliche Intelligenz als Umsatzmotor». Und wir hatten schon geglaubt, es ginge um wer weiß was.)

 

1913 erschien die legendarische Novelle ‹Der letzte Tod des Gautama Buddha›, mit der sich Mauthner noch einmal der Dichtkunst zuwandte. Sie fand weithin Beachtung, nicht zuletzt vermittelt durch den Rezitator Friedrich Erhard, der ab 1920 mit dem Text in Dresden, Berlin, Gera, Stuttgart und Konstanz auftrat.

 

Von 1920 bis ’23 veröffentlichte Mauthner seine große Monographie in vier Bänden ‹Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande›, die erneut ein Beitrag zur Sprachkritik ist, richtiger: zur Kritik des einen Substantivs «Gott».

 

Postum erschien «ein letztes Wort in meiner Lebensarbeit an der Kritik der Sprache»: ein kleines Büchlein, in dem Mauthner seine Drei-Welten-Theorie erstmals zusammenhängend darstellen wollte. ‹Die drei Bilder der Welt› (hg. von Monty Jacobs, Erlangen 1925) blieben Fragment.

 

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Zu Leben und Werk empfehle ich (allen frankophonen Menschen) Jacques Le Rider: Fritz Mauthner – Une biographie intellectuelle, Paris: Bartillat 2012 (alle anderen müssen mit der ressentimentgeladenen Standard-Bio von Joachim Kühn vorliebnehmen).

 

Mauthners Werke sind heute vor allem antiquarisch erhältlich, auch die verschiedenen Reprints aus den achtziger Jahren: Das ‹Wörterbuch der Philosophie› (die zweibändige Erstausgabe) erschien 1980 als Faksimile im Diogenes Verlag; Mauthners Hauptwerk, die ‹Kritik der Sprache›, 1982 im Ullstein-Taschenbuch; die ‹Atheismus›-Monographie 1985 im Olms Verlag.

 

Eine Neuedition des letzteren Werks immerhin erschien 2011 im Alibri Verlag, hg. von Ludger Lütkehaus, der im Jahr zuvor bereits für eine Neuausgabe der ‹Buddha›-Novelle im Libelle Verlag verantwortlich zeichnete. Die schöne Libelle-Ausgabe empfiehlt sich nicht zuletzt wegen des informationsreichen Nachworts des Herausgebers, dessen ersten beiden Absätze ich mir erlaube hier abschließend zu zitieren:

 

«Um 1930 läßt sich der fast erblindete James Joyce in Paris von Samuel Beckett aus einem Werk vorlesen, das seine Radikalität hinter einem ganz und gar altbackenen und übermäßig bescheidenen Titel verbirgt: den ‹Beiträgen zu einer Kritik der Sprache›. Der Autor: Fritz Mauthner. Die Sprachvirtuosen Joyce und Beckett treffen sich mit ihm, der seinerseits nach Schopenhauer und Nietzsche einer der großen, so raren Stilisten der deutschen Philosophie ist, paradoxerweise in einer weitreichenden Sprachskepsis. Eine sprachlose Nihilistik (bei Beckett) und Mystik (bei Mauthner) ist die Extremform, in welche die Sprachskepsis mündet. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.

Zehn Jahre zuvor sieht sich Ludwig Wittgenstein in seinem ‹Tractatus logico-philosophicus› genötigt, auf Distanz zur Mauthner'schen Sprachkritik zu gehen, Satz 4.0031: ‹Alle Philosophie ist 'Sprachkritik'. (Allerdings nicht im Sinne Mauthners)› – so Wittgensteins Abgrenzungsversuch, der das Wort ‹Sprachkritik› gleichsam nur mit der Pinzette der Anführungszeichen zu berühren wagt. Nur in diesem negativen Satz hat Mauthner lange Zeit wie eine tote Mücke im Bernstein überlebt. Wittgensteins voraufgegangene ‹Notes on Logic› freilich führen entschieden auf einen zentralen Impuls der Mauthner'schen Sprachkritik zurück: ‹Distrust of grammar is the first requisite for philosophizing›. Und der Wittgenstein der ‹Philosophischen Untersuchungen› wird in wesentlichen Punkten wieder mit Mauthner übereinstimmen. Dass Philosophie der ‹Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel der Sprache› sei, ist ein genuin Mauthner'sches Programm. Wittgenstein bekräftigt so eher, als daß er es dementiert, wie sehr die Ouvertüre zum sprachanalytischen, sprachkritischen Jahrhundert der Philosophie im Zeichen von Mauthners ‹linguistic turn› steht.»

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fritz Mauthners autobiographischen ‹Prager Jugendjahre› von 1918 in der Ausgabe von 1969 des S. Fischer Verlags (hg. und mit einem Nachwort von Peter Härtling).