Fritz Mauthner Beiträge zu einer Kritik der Sprache (1)

 

Weil die Sprache lebendig ist, so bleibt sie nicht unverändert vom Anfang eines Satzes bis zu seinem Ende. ¶

 

Wir müssen hier gleich festhalten, ... daß die Individualsprache eines Menschen niemals der irgend eines anderen Menschen vollkommen gleich ist ... Die Ungleichheit der Individualsprachen ist bei einiger Aufmerksamkeit gar nicht zu übersehen. Jeder charaktervolle Schriftsteller ist an seiner charakteristischen Individualsprache zu erkennen. Auf hundert Schritte. Wie das Bild eines charaktervollen Malers. Wer seinen eigenen Stil nicht hat, ist kein geborener Schriftsteller. ¶

 

«Die Sprache» gibt es nicht. ¶

 

Es gibt keine zwei Menschen mit gleichem Horizont, jeder ist der Mittelpunkt seines eigenen. ¶

 

Wo ist also das Abstraktum «Sprache» Wirklichkeit? In der Luft. Im Volke, zwischen den Menschen.e ¶

 

Als sozialer Faktor erst wird die Sprache, die vor Erfindung der Buchdruckerkunst noch nicht einmal in einem Wörterbuch beisammen war, etwas Wirkliches. Eine soziale Wirklichkeit ist sie; abgesehen davon, ist sie nur eine Abstraktion von bestimmten Bewegungen. ¶

 

Sprache ist kein Gegenstand des Gebrauchs, auch kein Werkzeug, sie ist überhaupt kein Gegenstand, sie ist gar nichts anderes als ihr Gebrauch. Sprache ist Sprachgebrauch. ¶

 

Die Sprache ist nur ein Scheinwert wie eine Spielregel, die auch umso zwingender wird, je mehr Mitspieler sich ihr unterwerfen, die aber die Wirklichkeitswelt weder ändern noch begreifen will. In dem weltumspannenden und fast majestätischen Gesellschaftsspiel der Sprache erfreut es den einzelnen, wenn er nach der gleichen Spielregel mit Millionen zusammen denkt, wenn er z. B.  für alte Rätselfragen die neue Antwort «Entwicklung» nachsprechen gelernt hat, wenn das Wort Naturalismus Mode geworden ist, oder wenn die Worte Freiheit, Fortschritt ihn regimenterweise aufregen. Von starken Naturen, welchen den Menschenmassen in diesem Gesellschaftsspiel die Wort zurufen, wird Geschichte gemacht. Sie passen in die Welt. Die geistige Geschichte wird von Ausnahmemenschen gemacht, welche nicht in die Welt passen, welche abseits vom Spiele die Welt anders betrachten, als die Vorgängermassen sie betrachtet haben und als die ererbte Sprache es verlangt, von Menschen, welche, erblos und eigen, die Welt neu zu erkennen glauben und sich’s kaum eingestehen dürfen, daß auch sie mit Aufopferung ihres Lebens nichts weiter ersonnen haben als nur kleine Abänderungen der Spielregeln für das Gesellschaftsspiel der Welt. Man kann sie auch betrachten als zufällige Variationen, welche die feste Erblichkeit der Art durchbrechen und vielleicht zu einer leisen Abänderung der Art beitragen werden. Sie wissen wenig anzufangen mit dem Gemeineigentum der Sprache, und die Gesellschaft, die Gemeine, weiß nicht viel mit ihnen anzufangen. ¶

 

Wer vermessen genug wäre, sich aus diesem Verbindungsnetze der gemeinsamen Sprache zu lösen, um mit seinem einzelnen Gehirn nicht anschauend, sondern denkend oder sprechend über den Abgrund unseres Nichtwissens zu kommen, der würde sich gewiß vermessen in der Weite des Sprungs. Zum Glück für ihn kann er sich gar nicht loslösen von der gemeinsamen Sprache; auch ihm sind die gemeinsamen Zeichen eingedrückt worden, auch er denkt sein lautes Denken gewissermaßen außer seinem Kopfe zwischen den Menschen. Und wie die sympathischen Nerven, die das unbewußte Leben der Atmung und Verdauung bedienen, dennoch mit dem Zentralnervensystem in Verbindung stehen, so hängt auch der einsamste Mensch, sobald er spricht, eben von der Sprache ab, die zwischen Menschen entstanden ist. ¶

 

Auch das Wissen ist ein Glauben, ist eine Tradition. ¶

 

Alle Menschen stehen gegenseitig im Verhältnis von Hypnotiseur und Hypnotisierten, alle Menschen lassen sich gegenseitig durch ausgesprochene Worte Zwangsvorstellungen suggerieren und es ist mir kein Zweifel, daß nicht nur in erregten Momenten des Völkerlebens, wo die zeitweilige Hypnose als Krieg, Hexenverfolgung u. dgl. offenbar ist, ganze Massen einander zu künstlichem Wahnsinn erregen, sondern daß der ganze geistige Verkehr der Menschen untereinander nichts weiter ist als allgemeine ununterbrochene milliardenhaft durchkreuzte Hypnotisierungsversuche und gelungene Hypnosen, welche von der ererbten Fähigkeit der Assoziationsflucht Gebrauch machen, und wobei der menschlichen Sprache die traurige Rolle zufällt, Erreger und alleiniges Ausdrucksmittel dieses künstlichen Wahnsinns zu sein. ¶

 

Mit ihren alten und jungen Worten stehen die Menschen einander gegenüber. Wie törichte Greise und törichte Jünglinge. Kein Mensch kennt den anderen. Geschwister, Eltern und Kinder kennen einander nicht. Ein Hauptmittel des Nichtverstehens ist die Sprache. Wir wissen voneinander bei den einfachsten Begriffen nicht, ob wir bei einem gleichen Worte die gleiche Vorstellung haben. Wenn ich grün sage, meint der Hörer vielleicht blaugrün oder gelbgrün oder gar rot. Leise Unterschiede sind zwischen dem C des einen Musikers und dem C des anderen. Moschusgeruch erzeugt gewiß grundverschiedene Empfindungen bei dem gleichen Worte. Wenn ich Baum sage, so stelle ich mir – ich persönlich – so ungefähr etwas wie eine zwanzigjährig Linde vor, der Hörer vielleicht eine Tanne oder eine mehrhundertjährige Eiche. Und das sind die einfachsten Begriffe. Worte für innere Seelenvorgänge sind natürlich von den vielen Werten oder Begriffen ihres Inhalts abhängig und darum bei zwei Menschen niemals gleich, sobald auch nur ein einziger der Inhaltswerte ungleich vorgestellt wird. Je vergeistigter das Wort, desto sicherer erweckt es bei verschiedenen Menschen verschiedene Vorstellungen. Daher auch so vielfach Streit unter sonst vernünftigen und ruhigen Menschen. Leute mit verschiedenen Sprachen müssen eben streiten, wenn sie so dumm sind, miteinander sprechen zu wollen. Das abstrakteste Wort ist das vieldeutigste. Wollte man – nicht etwa alle Menschen – sondern nur alle von einer Konfession zwingen, von sich zu geben, was sie sich z. B. unter ihrem Gott vorstellen, es würden die wahnsinnigsten Phantastereien aller Völker und Zeiten zu Tage treten. Und doch ist das ein Wort, worüber sie alle einig zu sein glauben. Mut, Liebe, Wissen, Freiheit sind ebenso zerfahrene Worte. Durch die Sprache haben es sich die Menschen für immer unmöglich gemacht, einander kennen zu lernen. ¶

 

Weil aber Denken und Sprechen ein und dasselbe ist ... ¶

 

Auch den schärfsten Denkern ist von ihren Kritikern mitunter nachgewiesen worden, daß sie sich da und dort selbst mißverstanden haben. Dies wäre doch ganz unmöglich, wenn das Denken irgend etwas anderes wäre als Sprechen. Kant hätte doch unmöglich seinen eigenen Begriff vom a priori gelegentlich mißverstehen können, wenn sein Begriff etwas vor dem Worte gewesen wäre. ¶

 

Nicht nur Ausnahmemenschen, aus der Art geschlagene Menschen haben das Schicksal, ihre eigene Sprache nicht immer zu verstehen. Auch der einfache Art- und Herdenmensch mißversteht sich selbst – durch die Sprache. Weil wir das Wort «frei» haben, darum halten wir uns für frei. Weil wir «wollen» sagen können, darum glauben wir zu wollen. Ich will, der Stein muß. Weil wir «ich» sagen können, darum glauben wir an uns. Und welcher Mensch wäre stark genug, den Begriff «Tod», den er bei «sein Tod» denkt, mitzudenken bei «mein Tod»? Natürlich, «sein Tod» ist mein Erlebnis; mein Tod nicht. Und was ist ein Erlebnis? Was durch die Tore unserer Sinne tritt? O nein! Erst was sich mit Worten an unser Ich binden läßt, an ein Wort. ¶

 

Solange man an einen Gott glaubte, der alles sehr gut gemacht hatte, mußten die schwachen Seiten unserer Organisation zum Glauben an einen Teufel führen, der die Fehler machte. Die Unterwerfung unter die blinde Entwicklung lehrt die letzte Resignation, das Verstummen der Frage nach gut und böse, nach Nutzen und Schaden. Die Sprache wird zum Gedächtnis des Organismus, welcher Mensch heißt, und dieser Organismus selbst ist auch nur das Gedächtnis seiner eigenen Entwicklung. Das Leben und die Sprache fällt zusammen zu einer unlösbaren Einheit. Man kann sagen: wie das Gedächtnis als «Vermögen», als Gehirnfunktion und Gedächtnis als Einzelakt (Erinnerung) in einem Worte überhaupt zusammenfließen, so auch hier; der Organismus ist das Gedächtnis aller lebenden Natur, die Sprache ist dasselbe Gedächtnis noch einmal, seit der Erinnerungsmöglichkeit, – mit der Erinnerungsmöglichkeit. Und die Frage nach dem Nutzen der Sprache, d. h. ob ich mir nützlich bin, zerfließt in einer bloßen Stimmung, in dem Gemeingefühl, welches wechselt von Moment zu Moment, ob ich mich meines Lebens freue oder nicht. ¶

 

Es ist unmöglich, den Begriffsinhalt der Worte auf die Dauer festzuhalten; darum ist Welterkenntnis durch Sprache unmöglich. Es ist unmöglich, den Stimmungsgehalt der Worte festzuhalten; darum ist eine Kunst durch Sprache möglich, eine Wortkunst, die Poesie. ¶

 

In tiefstem Grunde unterscheidet sich die Sprache der Poesie und der Prosa nur dadurch, daß die Poesie die Worte in der Fülle ihres historischen Reichtums gebraucht, die Prosa in der Magerkeit ihres Tageswerts. ¶

 

... daß auch die poetische Sprache niemals Anschauung gewährt, sondern immer nur Bilder von Bildern von Bildern. ¶

 

Es fällt dem Dichter gar nicht ein, sich mit der ererbten poetischen Sprache auf Erfahrung zu berufen, höchstens auf die literarische Erfahrung des Lesers. Unsere poetische Sprache hat eine ganze Menge tönender Worte, die durchaus nicht mehr besagen als unser «sehr», das doch selbst einmal (engl. sore) an heftige Schmerzen erinnerte. Himmel und Hölle werden dazu in Bewegung gesetzt. Himmelschön ist nichts weiter als sehr schön, todsicher nichts weiter als sehr sicher, stockfinster (von Stock = Gefängnis) nichts weiter als sehr finster, riesengroß sehr groß, schlau wie der Teufel nichts anderes als sehr schlau; und wie der Teufel wird «Heide» benützt: Heidengeld, Heidenangst. In diesen Beispielen ist es ganz gleichgültig, ob man an Himmel und Teufel glaubt oder nicht, ob man die Etymologie von «stock» kennt oder nicht. Luther pflegte zu erzählen, daß ein Landsknecht, der wegen seines greulichen Fluchens gescholten wurde, beteuerte, er habe das ganze Jahr nicht an Gott gedacht, geschweige denn bei ihm geflucht. Der Flucher denkt nicht an Gott, der Poet hat keine Anschauung. Nur ein leiser Gefühlswert unterscheidet himmelschön von sehr schön. ¶

 

Sogenannte gute Redner auf der Kanzel, in der Volksversammlung, im Parlament und in populären Vorlesungen machen mir oft einen Eindruck, als ob sie beim Kellner eine Speise zu bestellen hätten und täten es in Versen. Wenn sie wirklich mal was zu sagen haben, so sollen sie’s klar sagen, aber nicht schön. ¶

 

Die Menschen haben sich das Denken angewöhnt, nicht nur weil es nützlich ist, sondern weil es ein Vergnügen ist. Erhaltung des Individuums und Fortpflanzung der Art beruht auf einem ähnlichen unentwirrbaren Zwiespalt von Ursache und Wirkung. Macht uns das Essen Vergnügen, damit wir zu unserer Erhaltung essen oder weil wir zu unserer Erhaltung essen? Wer das wüßte, wüßte alles. ¶

 

Die Verarbeitung der Sinneseindrücke im Gehirn hat – nach psychologischem Sprachgebrauch – wenig mit dem zu tun, was wir sonst das Denken nennen. Fassen wir aber das Sehen, das Hören u. s. w. unter dem Begriff des Denkens zusammen, dann haben wir den Umfang dieses Begriffes phantastisch erweitert, als ob wir Kinder wären. Mir will es viel eher scheinen, als ob die ererbte Orientierungsfähigkeit, unsere Auffassung von den sichtbaren, hörbaren, schmeckbaren, harten und weichen, schweren und leichten Dingen u. s. w., also das Zustandekommen unseres Weltbildes in unserem Gehirn, d. h. die Anpassung der Wirklichkeitswelt an unsere vorher an die Wirklichkeitswelt angepaßten Sinnesorgane, weit mehr Ähnlichkeit hätte mit der instinktiven Tätigkeit unseres Atmens und der mit ihr verknüpften Herztätigkeit, wo auch bestimmte Nerven unter chemischen und wer weiß was für Einflüssen unser Leben erzeugen und erhalten. Denkt das Kind, wenn es sieht und hört, so denkt es auch, wenn es atmet ... dann kann sich die Qualle nicht ohne Denken im Wasser bewegen, dann kann sich die Pflanze nicht ohne Denken dem Lichte zuwenden.¶

 

Nicht zwischen der Sprache und dem Denken ist eine Brücke zu schlagen, sondern zwischen dem Denken und der Wirklichkeit. Wenn man sagt (eine gemeine Redensart), man finde für seine Gefühle keine Worte, so hat das gewöhnlich nur den Sinn, daß man den starken oder groben Ausdruck, den die Sprache bietet, aus irgend einer Rücksicht nicht gebrauchen wolle. Wo aber für Gefühle wirklich in der Sprache keine Worte sind, da ist das Gefühl von einem ungewohnten Eindruck erzeugt, da ist die Stimmung dieses Gefühls noch nicht eingeübt, noch kein Erbe der Menschheit geworden, da fehlt das Wort, weil die Erinnerung, weil das Bewußtsein von der Ähnlichkeit solcher Gefühle noch fehlt. So hatte die Sprache noch vor zweihundert Jahren keine Worte für Stimmungen des Naturgefühls (am Meere, im Gebirge), die heute jedem Schneider auf seiner Sommerreise geläufig sind. ¶

 

Dieses sogenannte Suchen nach Worten ... Wo es in bester Arbeitsstimmung notwendig ist, für einen minderwertigen Ausdruck einen besseren zu suchen, das prägnante Wort zu finden, da wird nicht nachträglich zu dem Gedanken das Wort herbeigeschafft, sondern der Gedanke ist es, der nicht prägnant war. ¶

 

Sprache ist immer nur Erinnerung, kann ohne Bedeutungswandel nie auch nur zur Beschreibung neuer Beobachtungen benützt werden. ¶

 

Das Selbstdenken, das im Verhältnis zum Nachplappern so schwer, das heißt so wenig Menschen möglich ist, ist eigentlich immer ein Neudenken und dieses ein Verlassen der hergebrachten Sprache, eine Bereicherung der Sprache, die Bildung eines neuen Begriffs, der nicht immer ein neues Wort zu sein braucht. Schwer, das heißt für die meisten Menschen unmöglich, ist das Denken eines Spinoza, der zum ersten Male mit voller Klarheit den Begriff der Notwendigkeit auf das Naturgeschehen anwendet, Natur und Gott identifiziert und so den Begriff dieser drei Worte verändert; schwer ist das Denken eines Newton, der den Begriff der Schwere auf die Planeten anwendet und so diesen Begriff vermehrt; schwer ist das Denken eines Berkeley oder Kant, die den Begriff der Vorstellung auf die vorgestellten Dinge anwenden und so das alte Wort um einen neuen Begriff bereichern. ¶

 

Die objektive Welt stammt von unsrer Begriffswelt ab, die eroberte Gedankenwelt von der ererbten Sprache. ¶

 

*

 

Es ist nichts im menschlichen Verstande oder in der Sprache, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist; und die Sinne blicken nicht nach innen. ¶

 

Was Kant in seiner Weise, trotz allen scholastischen Wortaberglaubens und trotzdem er die bereits aufkeimende Entwicklungslehre nicht ahnte, mit Genialität erkannte, war der Gedanke: wir vermögen unser Seelenleben gar nicht in seine subjektiven und objektiven Elemente zu trennen, weil in unserer Seele gar nichts vorhanden ist als die objektive Welt, diese aber nicht an sich, sondern als Erscheinung, weil also die ganze objektive Welt in unsere Seele nur unter der Form einzieht, welche sie durch unser subjektives Denken erhalten hat, das wieder von den Sinnen abhängt. Drückt man Kants Gedanken so aus, so fallen allerdings bald seine ewigen Kategorien der Anschauung und des Denkens hinweg, und der menschliche Verstand, der ihm noch, zum Unheil für seine Nachfolger, doch als etwas wie eine geistig wirkende Person erschien, verflüchtigt sich zu einem Worte, das bei Leibe keine bleibende oder gar ewige Bedeutung beanspruchen darf. Der Intellekt wird zu zusammenfassenden Bezeichnung für die Komplexität sich fortentwickelnder Sinne; der Intellekt wird zu einer Abstraktion sich entwickelnder Erscheinungen. ¶

 

Ich halte es für möglich, daß der Ursachbegriff, nachdem er durch ungezählte Jahrtausende die älteste und sicherste Hypothese des Menschengeistes gewesen war, nachdem er seit Hume rein begrifflich kritisiert worden ist, einmal durch die Entwicklung des Entwicklungsbegriffs in seinem Werte verändert werden wird. Und eine Korrektur des Ursachbegriffs wäre wohl die größte Revolution, dessen der kleine Menschengeist fähig ist. ¶

 

Optische Täuschungen und andere Sinnestäuschungen können uns überhaupt über das Wesen des menschlichen Verstandes aufklären. Ist eine Sinnestäuschung ungewöhnlich und durch eine nichtnormale Beschaffenheit des Nervensystems bedingt, so nennen wir sie krankhaft und den armen Betrogenen nennen wir geisteskrank. Ist eine solche Sinnestäuschung von der Art, daß alle Menschen ihr gleichmäßig unterworfen sind und daß wir das objektive Verhältnis durch wissenschaftliche List aufdecken können (wie bei Nachbildern im Auge und dergleichen), so sprechen wir von eigentlichen Sinnestäuschungen. Gehört die Täuschung aber zum Wesen des Sinnes, empfinden wir bestimmte chemische Wirkungen, also nach der gegenwärtigen Lehre Molekularbewegungen, als etwas Bitteres oder Süßes, als etwas Wohlriechendes oder Stinkendes, empfinden wir Schwingungen von Atomen als Töne, Wärmeempfindungen, Farben, so sprechen wir diesen Täuschungen, weil sie unentrinnbar sind, objektive Wirklichkeit zu, und dem gemeinen Verstand kann leicht wieder derjenige für verrückt erscheinen, der sich von den Sinnen nicht betrügen läßt, die Subjektivität aller dieser Empfindungen behauptet, oder es gar ausspricht, daß diese Täuschungstätigkeit der Sinne am letzten Ende nur historisch geworden ist, nicht zum Wesen der Erkenntnis gehört, daß es auch anders hätte werden können. ¶

 

Wir wissen, daß die substantivischen Worte nicht nur dann Abstraktionen sind, wenn sie Personifikationen wie Gerechtigkeit und Gewissen, wenn sie Schatten oder Schatten von Schatten bezeichnen, sondern daß auch konkrete Substantiva subjektive Hypothesen unseres Intellekts sind, daß wir die mögliche Ursache unserer Empfindungen, daß wir die Möglichkeit überhaupt als Körper oder Dinge in den Raum hineinprojizieren, daß die durch konkrete Substantiva ausgedrückten Dinge objektive Wirklichkeit haben. Wir wissen ferner, daß Verba Beziehungen dieser Dinge untereinander oder Beziehungen dieser Dinge auf uns bezeichnen, daß also Verba erst recht nur Symbole von wirklichem Geschehen und Sein, von wirklichen Veränderungen sein können. Nun aber haben wir erfahren, daß auch die Eigenschaften der Dinge oder die uns höchst objektiv erscheinenden Wirkungen auf unsere Sinnesorgane nur Täuschungen sind, normale Täuschungen allerdings, daß also auch die Adjektive nichts Objektives bezeichnen, nicht einmal etwas unveränderlich Subjektives, sondern daß unsere Augen und Ohren, während die Organismen sich entwickelt haben, aus lichtempfindenden Flecken und tonempfindenden Instrumenten geworden sind, die dann im Laufe der Jahrtausende dem Intellekt immer reicheren Stoff zu seinen Schlüssen, in diesem Falle Empfindungswerten, geliefert haben. Alles fließt. Die Welt wird durch unsere werdenden Sinne; zugleich werden die Sinne durch die werdende Welt. Wo soll da in ruhiges Weltbild entstehen? ¶

 

Ich habe Kants Philosophie einen versteckten Okkasionalismus genannt; das ist sie wirklich, so lange der Parallelismus von Subjektivität und Objektivität, von Verstand und Wirklichkeit, von Seele und Leib bestehen bleibt, so lange die Welt durch ein aprioristisches Wunder aus dem Verstande entsteht, so lange der Verstand mit seinen armen fünf Sinnen Weltgesetze erfindet, die dann unbegreiflicherweise auf die Welt passen. Lassen wir den alten Begriff der Apriorität aber fallen, bescheiden wir uns, nichts im Intellekt zu suchen, was nicht vorher in den Sinnen war und dann im Gedächtnis oder in der Sprache, bekennen wir resigniert, daß gerade dieses Fundament weiteren wissenschaftlichen Aufbaus, daß gerade die in der Sprache überlieferte gemeine Weltanschauung unser aprioristisches Wissen ist, fügen wir uns darein, daß nach den Substantiven und Verben nun auch die Adjektive als etwas Metaphorisches erkannt worden sind –, dann kann es uns nicht mehr erschrecken, wenn der menschliche Verstand es ist, der sich die Anschauungs- und Denkformen seiner Weltanschauung selber aufbaute. Auf ein Werturteil läuft am Ende die Differenz dieser Anschauung von der Kantschen hinaus, auf eine Stimmung. Kant will sagen: der Verstand muß doch ein göttliches Ding sein, weil alle Weltanschauung mitsamt aller Philosophie und mitsamt der Welt selbst sein eigenes Werk ist. Wir sagen: die Welterkenntnis mitsamt der Welterscheinung ist ein Werk des menschlichen Intellekts oder vielmehr eine Assoziation unserer Sinnesempfindungen, welche wesentlich Sinnestäuschungen sind; unsere Welterkenntnis ist aber auch danach. ¶

 

Unsere ganze Welterkenntnis, das heißt unsere Sprache, geht auf unsere Sinneseindrücke zurück. Es wäre aber die Summe all unserer Sinneseindrücke, falls wir dann noch eine Erinnerung an sie haben könnten, ein wahnsinniges Chaos, wenn unsere Sinne nicht die Kraft oder die Gewohnheit hätten, ihre Eindrücke nach außen zu verlegen, an den Ort ihrer Herkunft, wie wir annehmen. Durch diese Eigentümlichkeit der Sinne erst entsteht das, was wir die Außenwelt nennen, was für uns die Wirklichkeitswelt ist. Das ist ja eben im Anschluß an Kant durchgeführt worden. Es bleibe – nebenbei bemerkt – dahingestellt, wie weit die Sinne der niederen Tiere die Sinneseindrücke ebenso nach außen projizieren, wie weit also die niederen Organismen überhaupt ihr Ich von einer Außenwelt unterscheiden können. ¶

 

Beim Geschmack ... liegt es so, daß wir uns der unmittelbaren Berührung unserer Geschmacksnerven und des schmeckenden Gegenstandes bewußt werden. Aber dieses Bewußtsein ist nur scheinbar. Wohl ist der Zucker, die Zitrone innerhalb unseres Organismus, in unserem Mund, wohl fühlen wir die Süßigkeit, die Säure nur in unseren eigenen Schleimhäuten, aber genau wie beim Geruch, eher noch deutlicher, haben wir uns gewöhnt, das Ding selbst anstatt unserer Empfindung süß, außer u. s. w. zu nennen. ¶

 

Was wir Gefühle nennen, sind nur die subjektiven Begleitumstände der Empfindungen. Dieser Racker von Ich, der Zellenstaat des eigenen Leibes, wird durch gewisse Empfindungen oder Wahrnehmungen angenehm berührt, durch andere unangenehm, und zwar bald unmittelbar, bald aus der Erinnerung oder dem Bewußtsein her. Es ist das einzige an der Außenwelt, was er subjektiv empfindet, weil er ja alle Wahrnehmungen als Objekt nach außen projiziert. Eben darin aber, daß er die Gefühle nicht projizieren kann, sie nicht nach außen werfen kann, nicht äußern kann, daß er sie bei sich behalten muß, darin liegt das Eingeständnis, daß er sie nicht in die Welt der Wirklichkeit einzureihen vermag. Sie sind also zugleich die nächsten Symptome eines Ich, also das Wirklichste jedes Menschen, und zugleich das Nichtigste für die Erkenntnis.

Gefühle stehen wohl zu den Wahrnehmungen in demselben Verhältnis, wie der Wille zu unseren Bewegungen. Es sind Namen wie Haltestellen, von Hemmungsstellen, die einen Namen noch gar nicht verdienen, solange wir sie nicht besser kennen. ¶

 

Wir mögen etwas oder wir mögen es nicht. Auf diese kleine Banalität läuft schließlich alles hinaus, was unsere Gefühle gegen eine Farbe, einen Ton, eine Frucht, eine Blume, ein Klima, ein Weib, sonst einen Menschen, die Welt, das Leben ausdrücken können. Wenn wir Worte gebrauchen wie Liebe und Haß, Lust und Unlust u. s. w., so fügen wir dem Gefühl, daß wir etwas mögen oder nicht, durchaus keinen Gedanken hinzu. Und da unser Dasein oder richtiger unser Bewußtsein nur aus solchen Gefühlen besteht, da die benannten Empfindungen und Vorstellungen uns nur ihres Gefühlswertes wegen bewußt werden, so müssen wir uns auch von dieser Seite der Überzeugung nähern, daß der Kern unseres Wesens mit der Sprache oder dem Denken nichts zu tun habe, daß unsere gesamte benannte Welt, die Empfindungs- und Vorstellungswelt, nichts weiter sei als eine übersichtliche Registratur der Gefühlswelt. ¶

 

Wer seinen Gott behält, tut es aus Bedürfnis; wer die Wahrheit sucht, tut es ebenso aus Bedürfnis. Schläge verdient nur der Heuchler. ¶

 

Nicht nur der grobe Verstand denkt so, als ob die Welt um des Menschen willen geschaffen sei, d. h. natürlich für jeden einzelnen um seines Ich willen, sondern auch dem schärferen Verstand wird es schwer, sich von der Relativität aller gegenseitigen Wirkungen zu überzeugen. Die menschliche Sprache, welche vom gemeinsten Egoismus des Ich oder des Stamms erfunden ist, hindert zumeist, die Relativität aller Wirkungen zu durchschauen. Sie beachtet die Dinge nach dem Erhaltungstrieb des Ich. ¶

 

Ähnlichkeit empfinden nennen wir erkennen, wobei der Skeptiker noch hinzufügen wird: Ähnlichkeit empfinden nennen wir irrtümlich erkennen. Denn all unser vermeintliches Erkennen ist vergleichendes Klassifizieren, wie wir ja sogar die einfachsten Empfindungsdaten unserer Zufallssinne als Klassifikationen kennen gelernt haben. Da wir nun alle menschliche Tätigkeit, also auch das vergleichende Klassifizieren des Gedächtnisses (der Sprache), auf irgend ein Lustgefühl oder ein Interesse zurückzuführen suchen, so ist es nett, daß uns auch da eine alte Redensart zu Hilfe. Similis simili gaudet, das Ähnliche freut sich des Ähnlichen. Fassen wir den Gedanken streng in der Anwendung auf das Danken, so müssen wir beachten, daß die Freude ähnlicher Tiere oder Menschen, z. B. in der Geschlechtsvermischung, gegenseitig sein kann, daß aber in der Aufeinanderfolge von Sinneseindrücken immer nur der folgende etwas wie ein Lustgefühl in Bezug auf den vorangegangenen hervorrufen kann. Im Wiedererkennen ist ein Gefühlston des Interesses. Wir begreifen danach, daß der Organismus, von der Amöbe bis zum Menschen, ein Interesse daran hat, Ereignisse jeder Art, die kompliziertesten Gesichtszüge eines Freundes so gut wie die regelmäßigen Stöße von Wärmeschwingungen vergleichend zu klassifizieren, zu benennen, und so zu dem zu gelangen, was wir Welterkenntnis nennen, was aber immer nur Empfindung von Ähnlichkeiten ist. ¶

 

Die Ähnlichkeit dürfte noch einmal die wichtigste Rolle in der Psychologie spielen. Vielleicht hat man die Ähnlichkeit bisher instinktiv darum vernachlässigt, weil man sonst zu früh hätte einsehen müssen, wie tief unser logisches oder sprachliches Wissen unter unseren wissenschaftlichen Ansprüchen stehe, wie weit entfernt unsere Begriffsbildung von mathematischer Genauigkeit sei; denn unsere Sprachbegriffe beruhen auf Ähnlichkeit, die mathematischen Formeln auf Gleichheit. ¶

 

Die Ähnlichkeit ist entscheidend für uns, wenn sich Vorstellungen in unserem Gedächtnis zu Begriffen verbinden. So wie auch das schärfste Malerauge das Gesicht nicht im Gedächtnis behält, das es nur eine kurze Zeit gesehen hat, so wie also alle Gesichtsvorstellungen Lücken haben, so wie wir beim Anhören eines Vortrags nur ungefähr an unser Ohr schlagen hören, was den Mund des Redners verläßt, so wie wir uns die ungefähren Gehörseindrücke nach ähnlichen Erinnerungen ergänzen (und viel öfter, als wie glauben, falsch ergänzen), so decken sich ähnliche Vorstellungen allmählich unklar zu Begriffen. Wenn wir zahlreiche und recht ähnliche Bilder derselben Blume schließlich als Begriff Anemone zusammenfassen, und wenn wir die unähnlichen anderen Blumen schließlich nach zufälligen oder natürlichen Gesichtspunkten als Begriff Blume zusammenfassen, so ist hier wie dort ganz volkstümlich und unwissenschaftlich die Ähnlichkeit entscheidend. Unsere ganze Klassifikation der Natur, also unsere ganze Sprache ist begründet auf das wechselnde Spiel von Ähnlichkeiten, von denen wir fast niemals wissen, ob sie zufällige oder ererbte Ähnlichkeiten sind. ¶

 

Dabei möchte ich aber behaupten, daß diese bloße Ähnlichkeit, d. h. die wissenschaftliche oder mathematische Unvergleichlichkeit der Dinge erst unser Sprechen oder Denken möglich gemacht hat, daß also erst die Lücken unserer Vorstellungen, die Fehler unserer Sinneswerkzeuge unsere Sprache gebildet haben ... Würde unser Gehirn von Natur auch nur annähernd so genau arbeiten wie Mikroskope, Präzisionsthermometer, Chronometer und andere menschliche Werkzeuge, würden wir von jedem Einzelding ein so scharfes Bild auffassen und im Gedächtnis behalten, dann wäre die begriffliche Sprache vielleicht unmöglich; die einzelnen Anemonen wären einander zu unähnlich. Vielleicht sehen Insekten so scharf und können darum im Denken keine Fortschritte machen. Im Ernst, die ganze Begriffsbildung der Sprache wäre nicht möglich, wenn wir nicht unter lauter lückenhaften Bildern umhertappten, eben wegen der Lückenhaftigkeit die Ähnlichkeit überschätzten und so aus der Not eine Tugend machten. Je weniger wir von etwas wissen, desto leichter werden wir von Ähnlichkeiten «frappiert». Wir können, wenn wir nicht Fachleute sind, gleichfarbige Pferde oder Schafe kaum unterscheiden; wir halten Individuen eines asiatischen oder afrikanischen Volksstammes untereinander für weit ähnlicher als uns. Alle Neger, alle Chinesen sind – für uns – einander zum Verwechseln ähnlich, gleich. Darum es ist für den Zeichner so leicht, das typische Bild eines Chinesen, eines Negers – für uns – zu schaffen. Eines Engländers, eines Deutschen für den Franzosen. Ich habe sogar einmal die Wirkung von Wissen und Unwissenheit an meinem Hunde Wolf beobachtet. Wolf betritt mit mir einen Raum, in dem lebensgroße plastische Bilder einer Katze und eines Hundes aufgestellt waren. Wolf knurrt die Katze an; weil er sie weniger kennt, läßt er sich täuschen, verwechselt Bild und Natur, sie sind ihm gleich; den Hund kennt er besser, er läßt sich nicht täuschen. So gebrauchen wir überhaupt Ähnlichkeitsbilder oder Worte umso leichter, je unwissender wir sind. So ist also die menschliche Sprache eine Folge davon, daß die menschlichen Sinne nicht scharf sind. Es ist nicht der einzige Fall, wo gerade die Lücken und Löcher in unserem Wissen ihm dienlich sind; besäße die schützende Haut keine Poren, so wäre sie dem Organismus tödlich. Ein geübter Leser wird zu seinem Behagen von Druckfehlern nicht gestört, weil sein Auge die Zeilen nur à peu près überfliegt und das Gehirn sich die Lücken nach ungefähren Ähnlichkeiten ergänzt; der Korrektor wird umsoweniger auf den Inhalt achten, als er die Druckfehler sieht. ¶

 

Wie ein schlechterer Kopf sich schriftlich Notizen machen oder sonst äußere Gedächtnishilfen anwenden muß, um sich im gegebenen Fall bestimmt an das Notwendige zu erinnern, so braucht das Gehirn die Sprachworte als Taschentuchknoten für den Wirrwarr seiner Vorstellungen. Das sympathische Nervensystem kennt allerdings, nach menschlichen Gehirnvorstellungen, nicht eine so große Mannigfaltigkeit, dafür aber arbeitet es eleganter, ohne den plumpen Apparat der Sprache. ¶

 

Leben ist Gedächtnis (im weitesen Sinne) ohne Hilfszeichen; Gedächtnis (im engeren Sinne) ist an Hilfszeichen gebunden, an Sinnesempfindungen, gern an Worte. ¶

 

Die Frage nach dem Wesen des Lebens wird deshalb immer falsch gestellt, weil sei, die Frage, erst nach ihrer Lösung in Worte gefaßt werden könnte. ¶

 

Die geistige Inferiorität der Tiere besteht allein darin, daß sie unverhältnismäßig viel weniger Begriffe oder Worte oder Erinnerungszeichen für ähnliche Vorstellungen besitzen. Das wäre nun wieder nur eine «Abstraktion» aus Worten, wenn wir uns das Verhältnis nicht näher bringen könnten; und das ist schwer, weil wir eben mit unseren Menschenworten, mit unserem Menschendenken, mit unserem Menschengedächtnis unmöglich in die Geistestätigkeit der Tiere eindringen können. Wir müssen uns an äußere Beobachtungen halten. ¶

 

Wer täglich dreimal zu essen gewohnt ist, wird täglich dreimal an das Bedürfnis erinnert, er hat täglich dreimal Hunger; wer täglich fünfmal zu essen gewohnt ist, hat täglich fünfmal Hunger. Und wer noch gar nicht zu essen gewohnt ist, wie das neugeborene Tier, der kann nur ein Unbehagen empfinden, aber nicht das differenzierte Gefühl des Hungers. ¶

 

 

Auch ohne Kenntnis dieser Verbindung von Sprache und Gedächtnis würden wir ja das Wesen der Sprache darin auffinden können, daß es uns (wenn nicht im Gegensatze, so doch in außerordentlichem Vorteil zu den Tieren) unabhängig macht von der greifbaren Gegenwart der Wirklichkeitswelt. ¶

 

Jedenfalls wollen wir von Anfang an festhalten, daß Ideenassoziation dasselbe ist wie Gedächtnis, daß es ein abstraktes Gedächtnis nicht gibt, sondern nur die Handlung der Erinnerung, und daß jede Einzelerinnerung zuletzt Vergleichung ist, die sich entweder bei eine Ähnlichkeit beruhigt und zu dem Satz führt: das ist dasselbe, oder den Grad der Unähnlichkeit für ausreichend hält, um zu sagen: das ist etwas anderes. ¶

 

Jede Erinnerung ist eine Aktion. ¶

 

Man würde die Sprache nicht so überschätzt haben, wenn man diese menschliche Äußerung nicht für ein untergeordnetes Werkzeug eines viel höheren Organs gehalten hätte, des Denkens, und wenn nicht das Denken wieder für eine Erscheinungsform einer noch höheren Seifenblase genommen worden wäre, der man darum geradezu göttliche Ehren erweisen mußte. Diese höhere Blase ist das sogenannte Bewußtsein. Sieht man sich dieses Bewußtsein genau daraufhin an, so bleibt nichts übrig als die Tatsache der Erinnerung. Mensch und Tier, ganz gewiß auch die Pflanze, da sie sonst nicht ein Organismus geworden wäre, haben ein Organ der Erinnerung. Diese Erinnerung kann gar nichts anderes sein als die verhältnismäßig dauernd Wirkung der momentanen Sinneseindrücke. Diese Wirkung müßte für bessere Apparate, als wir sie haben, materiell nachweisbar sein. Das Denken, das Bewußtsein, die Sprache, das Gedächtnis, oder wie man sonst die Funktion des Gehirns nennen mag, ist der ungeheure Speicher der Erinnerung. Nur daß dieser Speicher die einzelnen Beiträge nicht mechanisch unterbringen kann, sondern wie in der Buchhaltung eines Weltspeichergeschäfts sich mit einer Art von Giro- und Scheckverkehr begnügt. Die unzähligen Sinneseindrücke werden auf eine beschränkte Anzahl von Namen gebucht, von Firmen, die miteinander in Verkehr stehen: von Worten. ¶

 

Wie der Magen und das Herz und die Galle, so arbeitet auch das Gehirn «zweckmäßig» für den Nutzen des Ganzen. Das ist das Geheimnis des Bewußtseins und wir erschweren es uns dadurch, daß wir in der Sucht nach Personifikation das Produkt des Gehirnes mit dem Götternamen Gedächtnis belegt haben, daß wir für die Einheit und den Zusammenhang der Vorstellungen den anderen Götternamen Seele haben, und nun – anstatt uns über das Phänomen des Lebens ein für allemal satt zu wundern – über jede Verwandtschaft zwischen Seele und Gedächtnis aufs neue in Verwunderung geraten. Nicht daß «Hand» auf französisch «main» heißt, ist merkwürdig, sondern die wirkliche Hand ist wunderbar. ¶

 

Was wir mit den groben Zangen der Sprache nicht fassen können, das bleibt für uns unfaßbar. ¶

 

Es ist einer der Ausgangspunkte dieser Schrift, daß es kein Denken gebe außer dem Sprechen, daß das Denken ein totes Symbol sei für eine angebliche, falsch angesehene Eigenschaft der Sprache: ihre eingebildete (von ihr selbst uns eingebildete) Fähigkeit, die Erkenntnis zu fördern. Ich weiß wohl, daß diese rein negative Behauptung eben auch die Erkenntnis nur negativ fördert; aber es ist endlich an der Zeit, daß die Menschheit die Sprache entfetische, nachdem sie durch ungezählte Jahrtausende Abstraktionen oder Fetische gehäuft, und ihren Müllkasten die Schatzkammer ihres Geistes genannt hat. ¶

 

Die Worte der Sprache sind Bewegungserinnerungen ... Man sagt gewöhnlich, man könne denken, ohne zu sprechen. Versteht man darunter, man könne denken, ohne laut zu sprechen, so ist der Fehler geringer, als wenn man glaubt, ganz und gar ohne Worte denken zu können. Genauere Selbstbeobachtung zeigt jedoch, daß man auch das stille Denken nicht ohne wahrnehmbare, fühlbare Wortartikulation vollziehen kann. ¶

 

Daß die Artikulationsbewegungen das eigentliche Denken ausmachen, wird auch dadurch wahrscheinlich, daß wir beim Lesen (trotzdem wir bekanntlich viele Worte auf einmal überblicken) doch Wort für Wort durch unsere Aufmerksamkeit ziehen lassen müssen, um den Sinn zu verstehen. Genügten unsere Augen, so könnten wir eine Seite ebenso zusammenfassend begreifen, wie wir mit den Augen ein ebenso großes Bild zusammenfassend im Augenblick wahrnehmen. ¶

 

Damit sind wir bei dem Wichtigsten, was wir aus der Lehre (daß nämlich unsere Sprache nicht aus Schall-, sondern aus Bewegungsempfindungen bestehe) lernen können. Wir haben nun etwas, was die beiden Gegensätze: Denken und Räumliches, Geist und Körper – vereinigt. Wir können den größten und schrecklichsten Gegensatz, den zwischen der Wirklichkeitswelt und Erkenntniswelt, auf eine Einheit zurückführen, auf eine bekannte Größe, auf ein bekanntes – Wort.

(Der Leser hat kein Recht, über diese skeptische letzte Silbe ärgerlich zu werden. Es soll nur der unter der Folter der Gedankenqual ausgestoßene Seufzer sein: ich weiß, ich kann nichts wissen! Das Kind will den Mutterleib verlassen und kann es nicht, ohne daß die Zange angelegt wird! Doch gräßliche Tragikomödie! Das Kind hält selbst die Zange in der Hand! Kind und Zange, beides ist Sprache! Wer darüber lachen kann, der lache. Es gehört große Weisheit oder gemeine Dummheit zu diesem Lachen.) ¶

 

Wir halten uns verzweifelt an die Worte, weil das Gedächtnis der Menschheit in ihnen wenigstens eine provisorische Ordnung des alten Chaos niedergelegt hat. ¶

 

Ich habe schon gesagt, daß das Gedächtnis an den Knotenpunkten seiner Gleise, dort, wo es einen Stoß bekommt, wo eine «Hemmung» eintritt, zur Sprache, zum Bewußtsein wird. Das Geheimnis des Gedächtnisses wäre damit sogar schon enthüllt, – wenn es eben möglich wäre, diesen furchtbaren Gedanken ohne Rückstand in Worte zu kleiden. Das geht aber ja darum gerade nicht, weil das Bewußtsein sich nicht einstellt auf glatter Bahn. Es geht mir bei diesen schlimmen Ahnungen beinahe wie dem Pferde, dem das Fressen abgewöhnt werden sollte. Es stirbt gerade in der Zeit, wo es sich das Fressen beinahe abgewöhnt hatte. Ich weiß, warum die Sprache ihren Dienst versagt; aber sie versagt ihn trotzdem. ¶

 

Es wäre nun ganz hübsch, den schwierigen Begriff des Bewußtseins zu eliminieren und das Bewußtsein in die beiden Zustände oder Tätigkeiten der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses aufzulösen. Was wir im Bewußtsein zu haben glauben, das wird durch die blitzschnelle Aufmerksamkeit erworben und durch das dauernde Gedächtnis festgehalten. ¶

 

Ist die Aufmerksamkeit keine Personifikation, kein Seelenvermögen, sondern nur ein Wort für eine Empfindung, so kann die Entwicklung nur darin beruhen, daß die Menschheit sich im Laufe der Zeit zu immer stärkerer Anspannung ihrer Wahrnehmungs- und Denktätigkeit trainiert hat. ¶

 

Wir sind und leben nicht nach unserer Welterkenntnis oder unserer Sprache, sondern wir erkennen und benennen die Welt danach, wie wir sind und leben. ¶

 

Und von hier aus fällt ein helles Licht auf den alten Sprachgötzen, der der freie Wille heißt. Es gibt einen Schein des freien Willens, wie es einen Schein der freien Aufmerksamkeit gibt. Wir haben diesen Schein, weil wir Menschen sind, weil wir Menschenverstand oder Menschensprache besitzen, weil dieselbe eiserne Entwicklung, welche heute jedes Aufmerken und jedes Wollen des ererbten und erworbenen Gedächtnisses unentrinnbar zwingt, also unfrei macht, daneben auch das ererbte und erworbene Gedächtnis in der Sprache aufgespeichert und in ihr den alten hölzernen Götzen «freier Wille» verwahrt hat. Irgendwo in seinem Innenleben mag auch der fallende Stein glauben, daß er freiwillig fäll, daß er freiwillig seine gespannte Aufmerksamkeit auf den Mittelpunkt der Erde richtet. ¶

 

Wie wir ohne die Fähigkeit aufzumerken, nicht als Menschen sehen und hören können, so besorgt auch die Aufmerksamkeit das, was wir nachher unser logisches Denken nennen ...

«Alle Menschen sind sterblich, Peter ist ein Mensch, also ist Peter sterblich.» Ich glaube nicht, daß jemals ein Mensch unserer Zeit zu der Vermutung, Peter sei sterblich, durch einen solchen Schluß gelangt ist. Für unsere Weltanschauung haben wir da drei Tautologien; die beiden Prämissen sind Tautologien und der Schluß ist er recht eine Tautologie. Unablösbar ist von unserer Vorstellung «Menschen» die Gewißheit, daß alle sterben werden, unablösbar von der Vorstellung Peter, daß er ein Mensch sei, unablösbar von der Vorstellung Peter, daß er sterblich sei. Unablösbar natürlich nur für den Zustand der Aufmerksamkeit. Solange unsere Aufmerksamkeit nicht auf den Tod gelenkt ist, solange leben wir dahin wie andere Tiere und denken nicht daran, daß Peter oder Paul oder wir selbst sterben müssen. Wird aber Peter krank, oder wird er achtzig Jahre alt, oder hoffen wir, ihn zu beerben, oder fürchten wir von seinem Tod einen Verlust für uns, einen Verlust für unser Volk, so vollzieht sich blitzschnell die Arbeit der Aufmerksamkeit; und vor unserem Bewußtsein steht die Überzeugung, daß Peter sterblich ist. Niemand, wie gesagt, braucht dazu eine Schlußfolgerung. Peter, Menschen und sterblich sind in unserem Bewußtsein wie drei Seiten eines Dreiecks. Wir können aus praktischen Gründen oder zum Spiele bald die eine, bald die andere Seite in den Blickpunkt unserer Aufmerksamkeit bringen, aber das Verhältnis der drei Seiten in unserem Bewußtsein ist unbeweglich. Nicht die Begriffe bewegen sich, wenn wir schließen; wir bewegen unsere Aufmerksamkeit über die Begriffe hin. So bewegt sich auch die Statue nicht, wenn wir um sie herum gehen und sie von allen Seiten betrachten.

Nicht wir vollziehen einen Schluß, wenn wir auf Peters Sterblichkeit aufmerksam werden; der Schluß, ein Induktionsschluß natürlich, ist von unseren Urahnen vollzogen worden, als sie auf das Sterben der Menschen aufmerksam wurden, vielleicht Hunderttausende von Jahren sich über den Tod wunderten, dann immer noch die Ausnahmslosigkeit bezweifelten (Ahasver, Elias) und endlich den Begriff der Sterblichkeit als Erinnerung an unzählige Beobachtungen des Menschengeschlechts in das Gedächtnis des Menschengeschlechts oder die Sprache aufnahmen. ¶

 

Die Tatsache, daß das Organ des Gedächtnisses wie alle anderen Gewebe des menschlichen Körpers einer stetigen Erneuerung durch das zuströmende Blut unterworfen ist, dazu die Überzeugung, daß die Hirnzellen, die augenblicklich denken oder sprechen, junge neue Geschöpfe sind, die ihren Sprachschatz nur ererbt haben, die ihn aber im Laufe der stetigen Erneuerung stetig neu anwenden, diese Sätze werfen ein Licht auf das Wesen der Persönlichkeit, des ehrenwerten Ich, das sich dagegen wehrt, ein Augenblicksgeschöpf zu sein. Das Ichgefühl ist und bleibt ein Augenblicksgeschöpf. Weil aber und wie die ganze ungeheure Lebenskraft sich in diesem Augenblick zusammendrängt, und weil der Augenblick der Ausgangspunkt oder der Haken einer Erinnerungskette ist, darum hat der Mensch im Ichgefühl den Schein der zeitlichen Ausdehnung. ¶

 

Wären wir erst tiefer in die Seelen der verschiedenen sprechenden Völker eingedrungen, so würden wir wissen, daß Sprache und Denken überall identisch ist, daß die Sprache nicht, wie sich das Lippert wohl vorstellen muß, eine Art hoher Schule ist, in welcher der Verstand das Doktorat der Vernunft erlangt, daß vielmehr jedes Volk diejenige Form der Erinnerung, welche seine Sprache ihm an die Hand gibt, sein Denken nennt. Es gibt verschiedene Denkgewohnheiten, wie es verschiedene Sprachgewohnheiten gibt. Wenn die Indianer und die Chinesen für unser Hilfswort «sein» kein besonderes Wort haben, so können sie auch unsere Logik nicht haben, in welcher die Copula «ist» eine so entscheidende Rolle spielt, so können sie noch weniger unsere metaphysischen Bücher über das Sein, die Substanz u. s. w. besitzen und verstehen. ¶ 

 

Wie fast bei jedem Worte in dieser Wortkritik, müßte ich auch bei der Betrachtung von Verstand und Vernunft vorausschicken: Es gibt nichts Wirkliches, das dem Begriffe «Verstand» entspräche. Es gibt nichts Wirkliches, das dem Begriffe «Vernunft» entspräche. Und noch weniger gibt es etwas Wirkliches, das in die beiden Wirklichkeiten Verstand und Vernunft zerfiele. Ebensowenig wie es eine Raubtierigkeit gibt und von ihr zwei Unterarten, die Katzigkeit und die Hundigkeit.

Es gibt aber Erscheinungen, welche nach gewissen Ähnlichkeiten und höchst wahrscheinlich auch nach ihrem Stammbaum in Katzigkeit und Hundigkeit zusammengefaßt worden sind. Und auch die Begriffe Verstand und Vernunft können, wenn auch mit geringerer Brauchbarkeit, auf je zusammengehörende Erscheinungen angewandt werden. Der Sprachgebrauch ist bei solchen ausgelaugten Abstraktionen immer schwer festzustellen; denn Sprachgebrauch ist ja wohl der Gebrauch der Masse, und die Masse denkt sich bei solchen Begriffen gar nichts, noch weniger als ein Denker. Nun hat aber Schopenhauer Verstand und Vernunft in einer sehr verwendbaren Weise und nach dem Gebrauch der besseren Denker gegeneinander abgegrenzt. Seine Definitionen sollen gelten. Freilich nicht etwa wie Beschreibungen natürlicher Dinge, aber doch wie feste Abmachungen über strittige Grenzgebiete. Danach ist etwa Verstand die Ausdeutung der Sinneseindrücke, das Verstehen der Außenwelt durch die Sinne. Vernunft ist das sogenannte Urteilen und Schließen durch Begriffe, das Spiel der Worte, das sogenannte Denken.

Also möchte ich behaupten, daß die Kultur der Menschheit immer nur durch den Gebrauch des Verstandes weiter gekommen ist, niemals durch Worte, durch Vernunft. Die Entwicklung der Wissenschaft ist nichts weiter als die immer sorgfältigere Anwendung des Verstandes auf die Außenwelt.

Wenn ein Hund oder ein Mensch im schnellen Lauf über einen Graben zu springen hat, so mißt sein Verstand die Entfernung mit ziemlicher Richtigkeit ab; Hund und Mensch kommen über den Graben. Man nennt das: ein Größenverhältnis abschätzen. Wissenschaftlich wäre das mit den Daten des Verstandes unendlich schwer, denn Hund und Mensch haben doch nur die Winkel und Einstellungsgrößen in ihrem optischen Augenapparat als Ausgangspunkt, dazu etwa die Erfahrung über die Größe der Gewächse, der Sträucher und Blätter im Graben. Nun arbeitet der Verstand mit derjenigen Exaktheit, die die Erhaltung des Hundes oder des Menschen verlangt. Sie wollen kein Bein brechen, und derselbe Verstand, der ihnen die Breite des Grabens ausrechnet, läßt sie ihre Muskeln ungefähr mit derjenigen Kraft anspannen, die der Sprung über die und die Breite erfordert. Die Wissenschaft könnte mit dem Meßapparat des Auges heute schon die Breite berechnen, die Hund und Menschen ohne Mathematik finden. Die Kraft der Muskeln für einen bestimmten Sprung könnte die Mathematik heute noch nicht auch nur annähernd angeben.

Handelt es sich aber darum, über einen Fluß von tausend Meter Breite eine Eisenbahnbrücke von einem einzigen Bogen und von einer bestimmten Tragfähigkeit zu werfen, so ist es immer noch derselbe Verstand, der über den Graben springen hilft. Und all die angewandten Wissenschaften des Brückenbaus: Geometrie und höhere Mathematik, Mechanik, Chemie und was sonst noch der Brückenbauer nötig hat, und was Jahrtausende gebraucht hat, um, mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet, den Balken über den Graben zu legen, das hat schon der Verstand des Hundes, der über einen Graben springt. Und dieser Verstand leistet das nicht etwa symbolisch oder andeutungsweise, sondern vollständig mit Beachtung aller geometrischen, mathematischen, mechanischen oder sonst physischen Einzelheiten, und das alles, ohne ein Wort zu denken, ohne ein Wort zu haben. ¶

 

Nun ist es aber genau derselbe Verstand, der einstens Tag und Nacht unterschied, der nachher genauer zusah, sein Verfahren verbesserte und endlich die Abteilung dieser Erfahrungsvorräte unter der Filialfirma Astronomie aufgetan hat. Diese ganze Wissenschaft ist natürlich in Worten niedergelegt. Man achte aber wohl darauf, daß jede einzelne Entdeckung jedesmal und jederzeit wortlos entdeckt, wortlos erblickt worden ist. Wie jemand, der ein Meteor sieht, die Leute zusammenruft und es ihnen erzählt, seinen Schrecken beschreibt und Hungersnot prophezeit. Das Überflüssige und Sinnlose faßt er in Wort. Als er das Neue sah, hat er das Maul gehalten. ¶

 

Der tierische Verstand hat sich zu den Wissenschaften und zu dem, was dafür gilt, auseinandergelegt, vornehmlich mit Hilfe des Experiments. Aha! Also hat das Denken den Verstand unterstützt! Nicht mehr, als begriffliches Denken überhaupt helfen kann. Im wesentlichen ist das Experiment wortlose Arbeit des Verstandes; in der Schule ist die gesamte Physik den Kindern nur durch Experimente begreiflich zu machen, nicht begrifflich. Nachher erst verstehen sie den Lehrsatz, der nie etwas anderes ist als die Fixierung und Aufspießung einer Erfahrung durch Worte. ¶

 

Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der stetige Fortschritt der Wissenschaft doch nur mit Hilfe der Sprache möglich war, weil nur durch sie der Bestand aller Erfahrungen auf die künftige Generation übergehen konnte. Ohne diese Mitteilung müßte jeder Forscher alle Erfahrungen noch einmal machen. Doch wie immer ist die Sprache da nur der große Behälter, aber an sich unfähig, den Strom, der in sie hinein und durch sie hindurch fließt, auch nur um einen Tropfen zu mehren. Also: Nicht nur in der wirklichen Welt gibt es keine Begriffe, sondern auch die Erkenntnis der Welt geht vor sich ohne Begriffe. Begriffe und Worte sind die unfruchtbaren Eunuchen, welche den Harem der Natur für den Sultan der Natur, den Menschen, bewachen, die Odalisken waschen, schmücken und singen lehren, aufgedunsene, quiekende Eunuchen, welche es unter den denkfaulen Fürsten zu den höchsten Ehren bringen können, aber unfruchtbar bleiben, sogar als Staatsminister. ¶

 

Was ist Wahrheit? Wahrheit ist die Übereinstimmung unserer Ideen, Sätze, Vorstellungen mit irgend etwas Wirklichem. Was ist dieses Wirkliche? Der Theologe bemühte dafür einst die Idee Gottes und blieb nur die Antwort darauf schuldig, woher wir von diesem Kriterium der Wahrheit sichere Kunde erhalten können.

Der Materialist, der dagegen von der Wahrheit nur Übereinstimmung der Ideen, Sätze, Vorstellungen mit ihren Gegenständen verlangt, glaubt sich dem Theologen recht überlegen. Aber die Schwierigkeit, uns von der Wahrheit eine Vorstellung zu machen, ist hier ganz dieselbe. Wir können an die Gegenstände nicht unmittelbar heran, wir besitzen von ihnen nur unsere Ideen und Vorstellungen, können diese also immer nur mit sich selber, nie mit ihrem Ding-an-sich vergleichen. Bliebe also nichts übrig, als in der Wahrheit die Übereinstimmung unserer Ideen und Sätze miteinander zu sehen, die formale Wahrheit. Der Leser ist jetzt vielleicht vorbereitet, zu erfahren, was als Wesen dieser formalen Wahrheit (und eine andere objektive Wahrheit ist nicht da) zu entdecken ist: die Übereinstimmung der Begriffe und Worte mit sich selbst, d. h. mit ihrer Anwendung durch den objektiven Menschengeist, ist – der Gebrauch der Sprache, mag man nun darunter die unmittelbare Sprachtätigkeit verstehen, oder den Sprachgebrauch im Sinne des Sprachgebrauchs. Und es liegt nicht der leiseste Spott in dieser Gleichstellung. ¶

 

Platon, Spinoza, Kant hören darum nicht auf, überlebensgroße Persönlichkeiten zu sein, weil ihre Systeme nicht lebendig geblieben sind. Noch niemals hat eine System wirkend eingegriffen und einen Wert behauptet in der Geschichte der Menschheit; man kann aber auch mit Bestimmtheit vorhersagen, daß ein System niemals einen Wert haben wird. ¶

 

Unmöglich, für alle Zeiten unmöglich, ist ein bleibendes System, denn es wäre die Wahrheit. Die Erkenntnis der Menschheit wächst aber so wie eine Korallenbank, wo doch an allen Enden gleichzeitig die einzelnen winzigen Wesen nicht höher als um ihre eigene Leibeslänge über ihren Boden hervorragen können, also den Boden der Bank erhöhen können, der ihre Vergangenheit ist. Der einzelne Mensch ist schon von ungewöhnlicher Geisteskraft, wenn er irgend ein altes Wort der Sprache neu vernimmt oder ein neues bildet. Wohl wird er dann in seinem geistigen Spieltrieb geneigt sein, seine ganze Weltanschauung an dieses sein neues Wort zu knüpfen, und wohl werden die Nachbarworte seiner neuen Vorstellung zu ihr ein Verhältnis suchen müssen; aber so wenig ist die lebendige Welt an den Verstand gekettet, so wenig ist die Sprache ein Korrelat des Lebens, daß – während die Wirklichkeit gerade ihren deutschen Namen davon hat, daß in unendlicher Verstrickung eines auf alles und alles auf eines wirkt – die Sprache an irgend einer Stelle allein weiter gehen kann. Wäre die Sprache wirklich, entspräche die Logik der Welt, wären die Worte lebendige Symbole der Dinge, dann könnte einmal ein System werden. So aber gleicht das Wesen, das von seiner persönlichen Apperzeption aus die Welt nun begreifen will, etwa einem Korallentierchen, das sich auf ein Raketchen setzte, um emporgeschossen das Inselchen gleich um einige Fuß zu erhöhen. Alle Systeme sind solche blitzenden Raketen, die nach einer Weile erlöschen und ihre Bestandteile zur Erde zurückfallen lassen. ¶

 

Was der einzelne zum Fortschritt der menschlichen Erkenntnis neu apperzipiert hat, ist eben darum immer nur ein Aperçu. Die älteste griechischen Philosophie ist darum so reizvoll, weil wir nur Aperçus von ihr übrig haben: die persönlichen Ausgangspunkte. Von Platon bis Kant haben wir aber die Systeme vollständig konserviert. Und die Geschichtsschreiber der Philosophie gießen noch Wasser ins Meer, indem sie sich bemühen, ein System in die Systeme zu bringen. Ein Diogenes Laertius tut uns not, der naiv die Aperçus sammelte. Die neuesten Philosophen kommen dieser Sehnsucht dadurch entgegen, daß sie mitunter das Wesentliche, das neue, das sie zu sagen haben, mit den wenigen Silben ihres Buchtitels ausdrücken. Das geniale Aperçu Schopenhauers war: «Die Welt ist Wille und Vorstellung». Im Buch stehen außerdem noch viele Worte. Eduard von Hartmann fügte dem hinzu: «Aber die Philosophie muß das Unbewußte beachten». Und als Friedrich Nietzsche mit Schopenhauer in inbrünstiger Umarmung kritisch fertig geworden war, da konnte er nichts stammeln als das neue Aperçu: «Jenseits von Gut und Böse». Der Gedanke steht auf dem Titelblatt; der Inhalt des Buches sind künstlerische Zierate und Schnörkel.

Wenn daraus der Pöbel der Gebildeten eine Entschuldigung dafür schöpfen sollte, daß er die Bücher nur nach ihren Titeln kennt, so denkt er pöbelhaft. Denn ein Aperçu versteht nur völlig, wer es selbst apperzipiert hat. Mitteilen läßt es sich nur auf dem langen Umwege dicker Bücher. Der Entdecker des neuen Gedankens täuscht sich über die lange Weile des Umwegs eben durch das Spiel mit einem System, wie ein Kind die endlose Eisenbahnfahrt dadurch abzukürzen sucht, daß es sich die Stationen notiert. ¶

 

Es gibt keine Philosophie, es gibt nur Philosophen, d. h. es gibt Menschen, welche von den Grenzen des Wißbaren ein sehnsüchtiges Bewußtsein besitzen. ¶

 

‹F. M., Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band: Zur Sprache und zur Psychologie; zweite, überarbeitete Auflage, Stuttgart und Berlin 1906; Faksimile-Ausgabe, Frankfurt a. M.  und Berlin: Ullstein 1982›