Henri Laborit   Liebe

 

Mit diesem Wort wird alles erklärt, entschuldigt und legitimiert – weil man nie fragt, was es eigentlich beinhaltet. Es ist die Losung, die Zutritt verschafft zum Herzen, zum Geschlecht, zu Glaubensgemeinschaften und anderen sozialen Gruppen. Doch unter dem Deckmantel der Selbstlosigkeit, oder gar Transzendenz, verbirgt es Dominanzstreben und Territorialverhalten. Es ist ein Wort, das den lieben langen Tag lügt, aber es wird von allen akzeptiert, mit Tränen der Rührung im Auge, und kein Einwand geduldet. Es kleidet den Mörder in Würden, die Familienmutter, den Priester, Militäroberste, Henker, Inquisitoren und Politiker. Wer sich anschickt, es von allen Vorurteilen zu entkleiden und nackt hinzustellen, wird nicht als Aufklärer gelobt, sondern als Zyniker kritisiert. Das Wort Liebe verschafft dem Unbewußten ohne großen Aufwand, ohne großes Risiko, ein Art von Rechtschaffenheit. Es betäubt das schlechte Gewissen, denn damit die sozialen Gruppen existieren, d. h. ihre hierarchischen Strukturen funktionieren können, ist es notwendig, daß die zugrundeliegenden Motivationen des menschlichen Handelns unbewußt bleiben. Wer sie beim Namen nennt, sie entblößt, legt sich mit den Dominierenden, den hierarchischen Strukturen, an. Das Wort Liebe dient zur Unterwerfung, zur Modifikation des Lustprinzips, zur Befriedigung des Dominanzstrebens. Ich will versuchen zu zeigen, was hinter diesem gefährlichen Wort zu stecken scheint, welche bittere Pille da mit Zucker überzogen wurde, was das Geheimnis seines Erfolgs ist.

 

Erinnern wir uns daran, daß die Funktion des Nervensystems im wesentlichen darin besteht, einem Organismus zu ermöglichen zu handeln, seine motorische Unabhängigkeit in seiner Umgebung zu gewährleisten, und gleichzeitig seine Struktur zu erhalten. Dazu sind zwei Arten von Information notwendig: Die eine informiert den Organismus über die Veränderungen, die in seiner Umgebung stattfinden, und wird von den Sinnesorganen bereitgestellt, die andere informiert ihn über den Zustand in seinem Innern, also die Gesamtheit der Zellen und Organe, die es zu schützen gilt, um ihre motorische Unabhängigkeit zu gewährleisten. Auch wenn der Begriff des «Gleichgewichts» falsch ist, oder jedenfalls würde es eine weitläufige Erklärung erfordern, was genau darunter zu verstehen sei, sprechen wir von der Aufrechterhaltung eines Gleichgewichtszustandes, von Homöostasie, oder in einem eher psychologischen Sinne von Wohlbefinden (bien-être) und Lust (plaisir). Die ältesten Regionen des Gehirns, der Hypothalamus und der Hirnstamm, sind ausreichend, um diese einfache Aufgabe zu erfüllen. Dem internen Stimulus, dem sie dabei folgen, nennen wir «Trieb». Es handelt sich also um angeborenes Verhalten, wenn Hunger, Durst und sexuelles Bedürfnis befriedigt werden.

 

Mit der Entstehung von Säugetieren entwickelt sich im Hirn das limbische System und mit ihm das Langzeitgedächtnis. Von nun an geht das, was dem Organismus im Kontakt mit der Umwelt widerfährt, nicht mehr erinnerungslos verloren, sondern wird «zurückgelegt», um später, unabhängig von direkten äußeren Ursachen, im Innern des Organismus wieder genutzt zu werden. Sie werden als angenehme oder unangenehme Erfahrungen abgespeichert, wobei angenehm bedeutet, daß sie dem Strukturerhalt des Organismus gedient haben, und unangenehm, daß sie ihn gefährdet haben. Erstere werden nach Möglichkeit wiederholt; man spricht hier von «Verstärkung». Letztere werden nach Möglichkeit vermieden. Eine Handlung führt immer zu einem Lernvorgang. Das Bedürfnis, auf das das Nervensystem reagiert, die Menge an Energie und Information, die erforderlich ist, um die Struktur zu erhalten, können wir daher als sowohl angeboren also auch angeeignet betrachten. Dem Lernen durch Aneignung entspricht die neuronale Plastizität, die einen konkreten Zuwachs an Struktur bedeutet. Sie ist die Grundlage für unsere Gefühle, die einhergehen mit den vasomotorischen Anpassungen und der Blutzirkulation entsprechend den verschiedenen Tätigkeiten der Organe, die notwendig sind, um eine Handlung zu tätigen. Das kardiovaskuläre System, gesteuert vom Nervensystem, gewährleistet diese Anpassung. Die grundlegende Motivation aller Lebewesen ist es also, ihre organische Struktur zu erhalten. Aber sie ist immer abhängig einerseits von den Trieben, die den Grundbedürfnissen Rechnung tragen, sowie von den angeeigneten Bedürfnissen. Oder in der Sprache der Psychoanalyse ausgedrückt: Der (triebhafte oder durch Aneignung modifizierte) Versuch, angenehme Erfahrungen zu wiederholen folgt dem Lustprinzip, das durchaus nicht nur aufs Sexuelle gerichtet ist, und wenn, dann auf unterschwellige Weise und modifiziert durch unsere Erfahrung. Die Reaktion auf die äußere Realität, die Aneignung von soziokulturellen Verboten und den unangenehmen Konsequenzen, die eine Mißachtung der Verbote nach sich zieht, beziehungsweise den angenehmen, mit denen die soziale Gruppe das Individuum belohnt bei Beachtung der Verbote, folgt dem Realitätsprinzip.

 

Der Cortex nun erlaubt uns vorausschauendes Denken, ausgehend von erinnerten angenehmen oder schmerzhaften Erfahrungen, und die Entwicklung von Strategien, um diese Erfahrungen zu wiederholen oder zu vermeiden. Es scheinen also drei Ebenen zu existieren, auf denen das Handeln organisiert wird. Die erste Ebene, die älteste und ursprünglichste, organisiert das Handeln, infolge von internen und/oder externen Stimuli, auf rein mechanische Weise und ohne die Möglichkeit der Anpassung. Die zweite Ebene organisiert das Handeln unter Berücksichtigung bereits gemachter Erfahrungen und der Erinnerung daran, von welcher Qualität – angenehm oder unangenehm, nützlich oder schädlich – die Folgen des Handelns waren. In dem Moment, wo Erfahrung ins Spiel kommt, tritt das triebhafte Handeln in aller Regel nur noch verborgen auf und es erweitert sich das Motivationsspektrum vor allem im Hinblick auf die angeeigneten Bedürfnisse. Die dritte Ebene ist die der Begierde (désir). Die Begierde entsteht aus der imaginären Vorwegnahme des Resultats einer Handlung und der dazugehörigen Strategie, die die Handlung ermöglicht, wenn sie Belohnung verspricht, und vermeidet, wenn Bestrafung droht. Die erste Ebene organisiert rein gegenwärtige Handlungsprozesse, die zweite fügt den gegenwärtigen Handlungen die Erfahrung der Vergangenheit hinzu, und die dritte Ebene reagiert auf die Gegenwart durch eine Antizipation des zukünftigen Resultats, die wiederum auf den bisher gemachten Erfahrungen aufbaut.

 

Jede Handlung vollzieht sich in einem «Raum», in dessen Innern sich Objekte und Lebewesen befinden. Objekte wie Lebewesen, die allein ein Lernen durch Belohnung ermöglichen, müssen dem Organismus dauerhaft zu Verfügung stehen, um den Effekt der Verstärkung zu gewährleisten. Gedachter Organismus wird dazu neigen, Anspruch auf die Objekte und Lebewesen zu erheben, und er wird sich in dem Raum, in dem sie sich befinden, dem «Territorium», zur Wehr setzen gegen andere, die ebenfalls Anspruch erheben auf jene Objekte und Befriedigung verschaffenden Lebewesen. Das einzige «angeborene» Verhalten (entgegen landläufiger Meinung) scheint mir daher die befriedigende Handlung zu sein. Territorium und Besitz sind lediglich abgeleitete Vorstellungen, die erst im Zuge des Lernens durch Belohnung entstehen. Die Vorstellung von Territorium und Besitz sind soziale Errungenschaften bei allen Lebewesen und soziokulturelle Errungenschaften beim Menschen. Es ist leicht einzusehen, daß die befriedigende Handlung, wenn sie im sozialen Rahmen stattfindet, sofort für hierarchische Dominanzstrukturen sorgt, indem der Dominierende dem Dominierten seine «Absichten» aufzwingt.

 

Ein Aspekt muß noch näher erläutert werden. Wir haben gesagt, daß das Nervensystem jede Handlung steuert. Wenn sie Resultat eines nozizeptiven (schmerzhaften) Stimulus ist, wird sie in einem Ausweichmanöver bestehen – der Flucht, wenn Flucht möglich ist, oder in aggressiver Verteidigung, im Kampf. Wenn diese Handlung erfolgreich ist, das heißt dem Erhalt oder der Steigerung des Wohlbefindens, dem biologischen Gleichgewicht, gedient hat, wenn sie also befriedigend war, dann wird die gewählte Strategie als Erinnerung gespeichert, um sie gegebenenfalls zu wiederholen. Es hat ein Lernprozeß stattgefunden. Ist die Handlung nicht erfolgreich, wird das «System der motorischen Inhibition» (Handlungshemmung) aktiviert. Die Hirnregionen, die auf nozizeptive, «bestrafende» Stimuli mit dem instinktiven Flucht-Kampf-Verhalten regieren, werden auf Nervenbahnen des sogenannten «periventrikulären Systems» (PVS) erreicht. Im zweiten Fall, dem Lernen durch Belohnung, dem befriedigenden Verhalten, ist es das sogenannte «mediale Vorderhirnbündel» («medial forebrain bundle», MFB), das die betroffenen Hirnregionen miteinander verbindet. Die motorische Inhibition schließlich folgt dem Handlungshemmungssystem («système inhibiteur de l’action», SIA). Wie ich an anderer Stelle zeigen konnte, ist das Handlungshemmungssystem, das sich als sogenannte passive Vermeidung äußert, Ursache von endokrinologischen Streßreaktionen und von vasokonstriktorischen (gefäßverengenden) Impulsen des Sympathikus. Die Reaktion nach Ausschüttung von Adrenalin (das andersherum die Gefäße, die Muskeln, Lungen, Herz und Hirn, versorgen, erweitert) ist die Flucht- bzw. Kampfreaktion, die «Alarm»-Reaktion. Sie ermöglicht es, zu handeln. Aus diesem Schema folgt, daß alles, was sich einer Handlung, die ein angeborenes oder angeeignetes Bedürfnis befriedigen soll, entgegenstellt, endokrinologisch-sympathische Reaktionen auslöst, die, wenn sie andauern, die peripheren Organe schädigen. Sie rufen Angst hervor und sind Ursache für die sogenannten «psychosomatischen» Erkrankungen.

 

Zur Illustration dieses Sachverhalts verweise ich nur auf die amerikanischen Versicherungsgesellschaften, für die gilt, daß Menschen über fünfzig mit einem Blutdruck höher als 140/90 mm Hg signifikant früher sterben. Dies haben uns auch Experimente zum Verhalten des aktiven Vermeidens mit Ratten gezeigt. Dabei befindet sich eine Ratte in einem Käfig, der aus zwei Kammern besteht, deren eine unter Strom gesetzt wird – nach einem vorherigen Laut- und Lichtsignal –, worauf die Ratte in die benachbarte Kammer flüchtet. In der Folge wird an sieben aufeinanderfolgenden Tagen lediglich das Laut- und Lichtsignal für jeweils sieben Minuten ausgelöst, ein Reiz, der, wenn das Tier zu handeln in der Lage ist, das heißt flüchten kann, nicht zu dauerhaft erhöhtem Blutdruck führt. Wenn aber die Verbindungstür geschlossen ist und das Tier nicht flüchten kann, zeigt es recht bald das Verhaltensmuster der motorischen Inhibition. Überdies weist es nach dem siebentägigen Experiment einen dauerhaften Bluthochdruck auf, der sogar noch drei Wochen nach Beendigung des Experiments anhält. Wenn man nun in einem identischen Versuchsaufbau zwei Ratten zusammen in den Käfig setzt und sie nicht entweichen, aber gegeneinander kämpfen und ihre Aggressivität auf diese Weise nach außen lenken können, leiden die Tiere in der Folge nicht an chronischem Bluthochdruck. Dasselbe trifft zu, wenn die Tiere nach jeder Versuchseinheit einer Elektroschockbehandlung unterzogen werden, um zu verhindern, daß die gemachte Erfahrung ins Langzeitgedächtnis aufgenommen wird. Es ist das Langzeitgedächnis, daß sich an die Erfolglosigkeit einer Handlung infolge eines nozizeptiven Reizes erinnert und somit für das Handlungshemmungssystem verantwortlich ist.

 

Wir haben Aggression andernorts (L’homme et la ville, 1971) definiert als eine Energiemenge, die in der Lage ist, die Entropie eines organisierten Systems zu vergrößern, oder genauer, die in der Lage ist, die Struktur zu beseitigen. Anders als die direkte Aggressivität auf physischer oder biochemischer Ebene, wird die psychosoziale Aggression zwangsläufig im Langzeitgedächtnis gespeichert und Teil der Erfahrung dessen, was für das Individuum schädlich sein kann. Wenn sie keine Möglichkeit einer angemessen motorischen Handlung findet, führt sie zu defensivem Aggressionsverhalten oder, beim Menschen, zu Selbstmord. Wenn das Lernen durch Bestrafung hingegen das Handlungshemmungssystem aktiviert, bleibt nur die Unterordnung, mit seinen psychosomatischen Konsequenzen, die Depression oder die Flucht in die imaginierte Welt der Drogen, des Wahns oder der Kreativität.

 

Wir haben gesagt, daß im sozialen Rahmen die befriedigende Handlung eines Individuums, das heißt, die seinen Zwecken gemäße Inanspruchnahme von Objekten und Lebewesen in seinem Territorium, also dem Raum, in dem das Individuum handeln kann, unweigerlich dazu führt, daß er Dominanz ausübt. Im Tierreich geschieht dies ausschließlich durch Körperkraft. Beim Menschen war es lange Zeit nicht anders. Aber der Mensch hat die Fähigkeit, der unbelebten Materie Informationen hinzuzufügen, sie «in Form» zu bringen, aus ihr ein Industrieprodukt zu machen, er brachte den Handel hervor, schuf Kapital und die Möglichkeit seiner Anhäufung und damit neue Formen, Objekte und Lebewesen für sich in Anspruch zu nehmen, das heißt, sich Befriedigung zu verschaffen. Das Dominanzstreben richtet sich fortan auf den Besitz von Kapital und von Produktionsmitteln, also Maschinen, die ihrerseits das Resultat sind von Manipulation technisch-informationeller Art durch das menschliche Gehirn. Die große Bedeutung, die in jüngster Zeit die Maschinen im Produktionsprozeß eingenommen haben, hat diejenigen begünstigt, die Maschinen erfinden und steuern können, die sich also abstrakte, physikalische, mathematische Informationen angeeignet haben. Die Entwicklung hat den Techniker bevorzugt. Das Dominanzstreben richtete sich nun auf die zunehmende Abstraktion fachlicher Informationen, und es ist der Grad der Abstraktheit, der heute die hierarchischen Strukturen bestimmt, in technischen Berufen ebenso wie in Wirtschaft und Politik.

 

Wo ordnet sich nun in diesem Schema die Liebe ein? Es ist gewiß objektiv richtig, sie als die Abhängigkeit des Nervensystems von befriedigenden Handlungen zu beschreiben, die uns ein Lebewesen in unserem Raum auszuführen ermöglicht. Und entsteht Haß nicht andersherum dadurch, daß das andere Lebewesen uns die Befriedigung verweigert oder daß man uns das Objekt unserer Begierde fortnimmt oder daß andere in den Raum, der uns Befriedigung verspricht, eindringen und sich Befriedigung mit den uns zuvor befriedigenden Gegenständen und Lebewesen verschaffen?

 

Aber man darf auch fragen, ob ein solche Beschreibung, die sich sehr wissenschaftlich und objektiv gibt, wirklich taugt, um das unaussprechliche Glück zu beschreiben, das Verliebte empfinden und das ebenfalls eine Realität ist. Sie zu beschreiben, wie wir es getan haben, bedeutet das nicht, den menschlichen Aspekt der Liebe zu ignorieren, seine imaginative, kreative, kulturelle Dimension? Nun, für die glückliche Liebe mag das gelten. Aber hat da nicht ein Dichter gesagt: «Il n’y a pas d’amour heureux» – es gibt keine glückliche Liebe? Es gibt wenigstens keinen Raum, der eng genug wäre, der geschlossen genug wäre, daß ihn zwei Lebewesen ein Leben lang für sich allein in Anspruch nehmen könnten. Und in dem Moment, wo die kleine Gemeinschaft sich der Welt gegenüber öffnet, wird diese wie mit Tentakeln nach ihnen greifen und ihre privilegierte Beziehung in ihrem Innern infiltrieren. Andere Befriedigung verheißende Objekte und Wesen treten in Beziehung zu den beiden, allein durch ihr Handeln. Der Raum des einen ist daher nie auf den Raum des anderen beschränkt. Das Territorium des einen und das Territorium des anderen mag sich überschneiden, aber es kann nie deckungsgleich sein. Die einzige wahre menschliche Liebe ist eine imaginäre. Sie ist es, der man sein Leben lang nachläuft, die in aller Regel von einem geliebten Wesen inspiriert ist, aber mit diesem schon bald nicht mehr viel gemein hat und zu einem Phantasieprodukt wird, einem Bild ohne greifbare Realität. Und man hüte sich zu versuchen, dieses Bild mit dem Lebewesen vereinigen zu wollen, das es ins Leben gerufen hat, denn letzteres ist nur ein ganz gewöhnlicher Mensch, der mit seinem Unbewußten selber genug zu tun hat. Befriedigung verschaffen kann einem nur die imaginäre Liebe, nur das, was da zu sein scheint, aber nicht da ist, nur die Begierde, nicht das Wissen. Man muß die Augen verschließen, vor der Wirklichkeit fliehen, ins Reich der Götter, der Poesie, der Kunst. Und auf keinen Fall, darf man den Schlüssel verwenden, der die Kammer öffnet, in der Blaubart seine Frauenleichen verwahrt. Denn da kommt niemand auf der grünen Wiese, die glitzert, und auf der Straße, die schimmert.

 

Ich denke nicht, daß ich mit meiner Darstellung ganz falsch liege, will aber doch gerne den Einwand gelten lassen, daß die sexuelle Befriedigung und die imaginierte Liebe, der Liebeswahn, nicht unbedingt voneinander abhängig sind. Dummerweise ist es aber so, daß das Wesen, das uns sexuell befriedigt und das wir uns erhalten wollen zum Zweck der «Verstärkung» unserer Befriedigung, in dem wir es dauerhaft in «Besitz» nehmen, in aller Regel auch das Objekt ist, das am Anfang unseres imaginierten Glücks stand. Der Liebende gleicht daher einem Maler, der nicht von seinem Modell lassen kann, der so von seinem Gemälde hingerissen ist, daß er das Material erhalten will, das zu seiner Erschaffung notwendig war. Würde er auf das Kunstwerk verzichten, bliebe nur der gewöhnliche Mensch. Doch ohne diesen, gäbe es kein Werk. Sobald das Werk in der Welt ist, beginnt es ein Eigenleben zu führen, aber ein Leben außerhalb der Zeit. Das Werk altert nicht, und das macht es zunehmend schwierig, mit dem Lebewesen aus Fleisch und Blut zusammenzuleben, das dem Einfluß von Zeit und Raum unterworfen ist und das für die biologische Befriedigung stand. Deswegen kann es keine glückliche Liebe geben, wenn man mit Gewalt versucht, das Modell mit dem Werk gleichzusetzen.

 

Wenn die Liebe vom individuell Einzelnen auf eine Gruppe von Menschen übergeht, kann sie durchaus «humaner» werden, in dem Sinne, daß jetzt eher eine befriedigende Idee als ein konkreter Gegenstand im Mittelpunkt steht. Der Mensch ist zum Beispiel als einziges Tier in der Lage, eine Vorstellung von «Vaterland» zu entwickeln und es zu lieben. Aber auch hier ist es unmöglich, die imaginierte Liebe mit dem Modell, das der Idee zugrunde liegt, zur Deckung zu bringen. Denn bei dem Modell handelt es sich nach wie vor um ein biologisches Modell, das einer Gruppe von Menschen nämlich, die eine ökologische Nische bevölkern, mit ihrer Geschichte, ihren charakteristischen Verhaltensformen, die die Nische sie gelehrt hat. Und Menschengruppen werden, so lange sich denken läßt und überall auf der Welt, in Form einer hierarchischen Dominanzstruktur organisiert, denn die Motivation der Individuen, die die Gruppe bilden, ist stets das organische Überleben und die Lustbefriedigung, wozu nach wie vor die Inbesitznahme eines individuellen Raums samt den Objekten und Lebewesen gehört, die diesen Raum bevölkern. Die ebenso reale wie mächtige Vaterlandsliebe, die erst sehr spät in der Menschheitsgeschichte auf den Plan getreten ist und noch in jüngster Zeit Millionen Menschen dazu gebracht, ihr Leben für sie zu opfern, wird daher ebenfalls von der Hierarchiestruktur für ihre Zwecke genutzt, die selbstverständlich nicht aus imaginierten, mythischen Körpern besteht, sondern aus biologischen. Die Dominierenden haben schon immer die Imaginationskraft der Dominierten für ihre Zwecke genutzt. Was auch deswegen einfach ist, da die Vorstellungskraft für den Menschen die einzige Möglichkeit ist, einer schmerzhaften Gegenwart auf befriedigende Weise zu entfliehen. Diese Möglichkeit, die sich der Existenz eines assoziierenden Cortex verdankt, der in der Lage ist, neue Strukturen zu erfinden, neue abstrakte Beziehungen herzustellen zwischen Elementen, die das Nervensystem als Erinnerung gespeichert hat. Aber die imaginierten Strukturen bleiben mit den erinnerten Tatsachen, mit den konkreten Modellen, die ihnen zugrunde liegen, für gewöhnlich aufs engste verbunden. Es ist daher für die Hierarchiestruktur von Nutzen, die Liebe des Bürgerkünstlers (diesem Handwerker seiner eigenen Entfremdung) zu dem Gebilde seiner Imagination zu befördern, zu einem Vaterland, das ihm hilft, die traurige Realität des gesellschaftlichen Modells zu vergessen. Man sagt, de Gaulle habe Frankreich geliebt, aber die Franzosen verachtet. Er hat das imaginäre Konstrukt geliebt, das für ihn Frankreich war. Der Künstler zieht sein Werk dem realen Modell vor. Das Erstaunliche ist dabei, daß das Werk variiert von Mensch zu Mensch, da jeder seine eigene Erinnerung, seine eigene Geschichte hat, so daß bereits für ein einzelnes Wort so viele Vorstellungsvarianten denkbar sind, wie es imaginierende Gehirne gibt, und daß es dennoch möglich ist, eine kollektive, leidenschaftliche geistige Strömung auf einen Gegenstand zu lenken, der überhaupt nicht existiert außer als variables geistiges Produkt in den Köpfen jedes einzelnen Individuums. Die zunehmende Entfernung, die Kluft, die zwischen der objektiven der imaginierten Realität entsteht, erlaubt es, die erstere zu manipulieren, durch Ausnutzung der letzteren, zugunsten der Stärkeren.

 

Mit meiner Deutung scheine ich der Imagination einen ziemlich hohen Stellenwert einzuräumen. Ich bin in diesem Punkt nicht frei von Werturteilen. Die Behauptung jedoch, daß die Evolution der Arten sich darstellt als eine Entwicklung der Imaginationskraft bis hin zur Entstehung eines Nervensystems mit der Möglichkeit des Assoziationsprozesses beim Menschen, stellt in meinen Augen kein bloßes Werturteil dar. Es ist objektive Realität. Und anzuerkennen, daß das Imaginäre abhängig bleibt von prähominiden Trieben, da diese unser Unbewußtes steuern, zwingt uns nicht dazu, das Imaginäre zu benutzen, um, mittels vermeintlich vernünftiger Rede, die Dominanz dieser Triebe in unserem Handeln einzuräumen. Es ist der ewige Kampf zwischen dem thermodynamischen Leib und einem informationellen Omegapunkt. Das eine kann ohne das andere nicht sein, und man wird auch nie das eine auf das andere reduzieren können. Oder wie es Wiener ausgedrückt hat: Information ist Information, weder Materie noch Energie, auch wenn sie ohne beide nicht existieren kann.

 

Möglich und wünschenswert wäre jedoch, daß das Gebilde der Imagination, das des Künstlers, das des Liebenden, sich nicht nur an eine kleine Untergruppe richtet, an eine Teilmenge, sondern unmittelbar an die Obermenge, die Menschheit insgesamt. Auf daß der kleine, unbedeutende Leib, der wir sind – Quelle unserer Motivation, denn wenn er zuweilen auch ein trauriges Bild abgibt, so ist er doch zuweilen auch recht amüsant, Quelle unseres Begehrens ihn zu benutzen, aber auch ihm zu entfliehen und Befriedigung im grenzenlosen Imaginären zu suchen, Quelle unserer Angst, ohne die keine Befreiung möglich ist – auf daß dieser phantasiebegabte Leib also seine Schöpferkraft nicht einkerkert in der soziokulturellen Nische, in Parolen, in Klischees, in gesellschaftlichen Teilgruppen, in Kirchen, Fachkreisen, Klassen. Den Endzweck unseres befriedigenden Handelns in einer Teilgruppe zu sehen, bedeutet im Grunde, Rassist zu sein. Der Rassimus ist eine Theorie, die auf dem Stand, die die Menschheit erreicht hat, jeder biologischen Grundlage entbehrt, aber es ist leicht zu ersehen, wie hier eine Verallgemeinerung vorgenommen wird, auf allen Organisationsebenen des Menschlichen, um überkommene Strukturen zu verteidigen.

 

Jeder Mensch, der es unternimmt – und sei es nur gelegentlich am Abend vor dem Zubettgehen –, das Dunkel seines Unbewußten zu durchdringen, weiß, daß er nur für sich lebt, allein ist. Und das gilt nicht anders für diejenigen, die in der Welt des Dominanzstrebens keine Befriedigung finden und die, als Drogenkonsumenten, als Dichter oder Psychotiker, aufbrechen in die Welt der Imagination.

 

Und der zwischenmenschliche Kontakt, die menschliche Wärme – wie halten Sie es damit?

 

– Es gibt andere Wege für die Menschen, sich auszutauschen, zu kommunizieren – die Wissenschaft, die Kunst. Mir haben jedenfalls die Bücher eines Menschen immer mehr gegeben als ein warmer Händedruck. Das Buch macht mich mit dem Besten in diesem Menschen bekannt, mit dem, was von ihm in der Geschichte fortbesteht, der Spur, die er hinterläßt.

 

Aber wie wenige Menschen hinterlassen schriftlichen Spuren. Und die vielen anderen wären vielleicht auch eine Bereicherung für unser Leben, wenn wir sie nur kennenlernen würden? Wer leidet und schuftet, hat keine Zeit Bücher zu schreiben.

 

– Ja, aber wer gewährleistet, daß die Kontaktaufnahme wirklich von dem Wunsch geleitet ist, jemanden kennenzulernen, ihm dabei zu helfen, sein Kreuz zu tragen? Selbstgefälligkeit, Bevormundung, Dominanzstreben weiß sich hinter vielen Masken zu verbergen. Zum Kontakt gehören immer zwei. Wenn jemand Sie aufsucht, dann sucht er nicht unbedingt Sie, sondern sich selbst. Und Sie suchen im andern auch wieder nur sich selbst. Sie können der Spur nicht entkommen, die Ihre soziale Nische Ihnen ins Gedächtnis eingegraben hat, seit Sie in die Welt des Unbewußten hineingeboren wurden. Ich habe immer wieder Menschen beobachtet, die bereit waren, sich für eine Sache aufzuopfern. Was mir dabei stets suspekt war, war ihre unbewußte Motivation. Manche Menschen – und ich zähle mich zu ihnen – haben irgendwann einfach genug davon, dem anderen nur noch im Kampf um den sozialen Aufstieg, um Dominanz, zu begegnen. Es sind ja in aller Regel nicht einfach Menschen, die wir in unserer Welt treffen, es sind «Berufsmenschen», «Professionelle». Und sie sehen in uns nicht den Menschen, sondern den Konkurrenten. Sobald unser Lebensraum mit dem der anderen in Interaktion tritt, werden die anderen versuchen, sich über uns zu erheben und uns klein zu halten. Und wenn Sie keine Lust haben, Hippie zu werden und/oder Drogen zu nehmen, bleibt nur eins: Ergreifen Sie die Flucht, verweigern Sie den Kampf, wann immer es Ihnen möglich ist. Denn die Gegner kommen nie allein. Sie nähern sich Ihnen immer in Gruppen oder in Form von Institutionen. Die Ritterzeit ist lange vorüber, wo man sich Mann gegen Mann gemessen hat auf einem klar umgrenzten Kampfplatz. Jetzt stürzen sich gleich ganze Zünfte auf den einzelnen, und der Sieg ist ihnen immer sicher, denn sie vertreten den Konformismus, die Vorurteile und all die soziokulturellen Gesetze, die gerade angezeigt sind. Wenn wir allein durch die Straße gehen, treffen wir nie einen einzelnen Menschen, sondern immer den ganzen öffentlichen Nahverkehr.

 

Wenn es doch einmal vorkommt, daß wir einem Menschen begegnen, der bereit ist, seine Uniform samt den Tressen abzulegen – welch ein Glücksmoment! Die Menschen müßten nackt umherlaufen, so wie sich der Admiral dem Arzt zeigt – denn wir sollten alle einander Ärzte sein. Aber nur die wenigstens ahnen etwas von der Krankheit und wollen gar nicht geheilt werden. Haben sie nicht immer brav die Regeln des Hausbuchs für Hygiene und Prophylaxe befolgt, das die fürsorgliche Gesellschaft ihnen bei der Geburt mit in die Wiege gelegt hat?

 

Die Unterscheidung zwischen dem Realen und dem Imaginären, die ich weiter oben gemacht habe, findet sich auch auf der Organisationsebene der Gesellschaft insgesamt. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich in ihr bilden, ausgehend von der Funktionsweise des Nervensystems, die zu beruflichen Hierarchien und Dominanzstrukturen führen, sind sehr real und werden als solche erlebt. Aber das Nervensystem funktioniert, ohne sich seiner angeborenen und angeeigneten Bedürfnisse bewußt zu sein. Sie stammen unmittelbar aus prähominiden Zeiten der Evolution, denen auch das Imaginäre verpflichtet ist. Das Kreative wird auf gesellschaftlicher Ebene vor allem als Mittel zur technischen Innovation betrachtet, zur Produktion von Waren, die der Etablierung von Dominanzverhältnissen dienen. Um der daraus folgenden Malaise zu entfliehen, versuchen die Menschen zuweilen, ihre Imagination dafür zu nutzen, soziale Strukturen zu ersinnen, in denen die Entfremdung keinen Platz hat. Aber da die Menschen nie bedenken, daß diese Entfremdung, wie gesagt, das Resultat ihres in soziokulturelle Bahnen gelenkten triebhaften Unbewußten ist, so gilt auch hier, daß die Liebe zum imaginierten Werk nie übereinstimmt mit der Realität, die von ihrer wesentlichen Quellen abgeschnitten wurde. Daher bleibt das Wort Liebe immer eine Lüge, mit der alles, was der Menschen dem Menschen antut, entschuldigt wird, denn es behauptet, sich aus anderen Quellen zu speisen als den primitiven Trieben, gegen die es aber doch nie etwas ausrichten kann, so wenig wie das Wort «Regenschirm» uns davor bewahrt, naß zu werden.

 

Was die Fragen angeht, vor die die Welt uns stellt, so habe ich in keinem Katechismus, keinem Gesetzbuch, in keiner philosophischen Schrift Antworten gefunden. Bei Jesus bin ich durchaus fündig geworden. Staat ist mit diesem Herrn eigentlich nicht zu machen, aber ich fürchte, das sehen die meisten seiner Kunden leider anders. Für alle, die ihn kennen: Er ist, was man, in dem oben beschriebenen Sinne, das vollendete «Werk» nenne könnte, die fleischgewordenen Imagination. Aber kann er gerade wegen dieser Fleischwerdung besser sein, als wir es sind? Nur wenn er als fleischgewordene Imagination das Ganze repräsentiert wie auch jedes einzelne Individuum, jedes einzelne Element der Menge. Auch für ihn, will mir scheinen, war das Wort Liebe ein überstrapazierter Begriff. An den Stellen, wo es verwendet wird, könnte auch das Wort Haß stehen. In der Liebe steckt soviel Haß, wie im Haß Liebe steckt. Alles eine Frage der Hormone.

 

Es ist viel leichter zu sagen, man liebe die Menschheit, den Menschen als solchen, als den konkreten Nachbarn auf der Etage. Gleichzeitig ist es aber auch leichter, seine Frau zu lieben und seine Kinder, denn sie sind Teil der befriedigenden Objekte des eigenen räumlichen und kulturellen Territoriums, als die abstrakte Idee von der Menschheit in ihrer Gesamtheit. Für letzteres wäre es im Grunde erforderlich, keinerlei Territorium für sich in Anspruch zu nehmen – wozu man nicht über ein Nervensystem verfügen dürfte – oder andersherum den ganzen Planeten für sich zu beanspruchen, wogegen die Anderen, um weiterhin in Frieden leben zu können, sofort Einspruch erheben würden. «Mein Territorium ist nicht von dieser Welt ...» Natürlich nicht, denn es ist von der Welt der Strukturen, der Welt des Imaginären. Dummerweise entstammt das Imaginäre dem Nervensystem, und Strukturen existieren nur, um Beziehungen zwischen den Elemente einer Menge herzustellen: Werk und Modell – das alte Problem. Wir müssen akzeptieren, daß wir mit dem Modell leben, aber fürs Werk sterben. Es ist der ewige Konflikt zwischen dem «Lustprinzip» und dem «Realitätsprinzip», sagen uns die Psychologen, und auch ich habe nur «Sublimation» zu bieten. Aber doch nicht nur, möchte ich behaupten. Das Reale, das ich Ihnen anzubieten habe, ist nicht das Reale der Nische unserer unmittelbarsten Umgebung, die wir berühren, riechen, sehen. Auch wenn Sie durchaus bereit sind, Andersheit, Nicht-Besitz, die partielle Autonomie des Anderen anerkennen – was im übrigen gern als Gleichgültigkeit gedeutet wird –, das Reale, um das es mir geht, ist noch längst nicht allgemein bekannt, oder richtiger: es ist von der Kultur zu sehr entstellt, als daß Sie einsehen könnten, daß es Sie nicht um Ihre althergebrachten Vorzüge bringt. Den anderen zu lieben würde bedeuten, anzuerkennen, daß der andere denken kann, fühlen, handeln, auf eine Weise, die nicht konform ist mit unserer Begierde, die nicht unserer Befriedigung dient. Es würde bedeuten zu akzeptieren, daß der Andere in Übereinstimmung mit seinem System der Lustbefriedigung lebt und nicht mit dem unserem. Aber ein jahrtausendealter kultureller Lernprozeß hat das Gefühl der Liebe derart eng mit dem Gedanken der Aneignung und des Besitzes verbunden, hat uns derart abhängig gemacht von dem Bild, das wir uns vom Andern machen, daß derjenige, der sich in der hier angedeuteten Weise verhielte, in der Tat als gefühllos erscheinen müßte.

 

Dennoch existieren Räume, die uns Befriedigung verschaffen, neben den konkreten Nischen, und sie sind ebenso real wie diese, nur eben vermittelt. Nur über sie erreichen wir die übergeordnete Gruppe, das Soziale. Der Planet insgesamt ist ein solcher Raum, die sozialen Strukturen, die ihn erfüllen sind eine Realität. Diese Realität kann man in der Tat nicht mit Händen greifen, sehen oder schmecken. Einfluß nehmen auf sie können wir nur vermittelt, durch Medien. Wir können auf diese Realität keine Autorität ausüben, keine Macht, außer vermittelt durch die Symbole der Sprache, die Begrifflichkeiten von Theorien. Wie werden uns in der Folge an der Sprache reiben, gegen führende Theorien streiten, aber dieser Kampf wird auf einer anderen Organisationsebene ausgetragen als auf der Ebene der zwischenmenschlichen Auseinandersetzung. Wir müssen uns nicht mehr in einen engen Raum pferchen lassen, wo das vorherrschende Unbewußte der Individuen immer in Konflikt gerät mit dem Streben nach Dominanz. Vor allem aber: Man kann fliehen. Man kann sich anderen Gruppen auf anderen Organisationsebenen zuwenden, bis hin zur letzten Ebene, der des Planeten. Es ginge also darum, aus unserer Realität eine offene Struktur zu machen, statt sich mit den ödipalen Strukturen in Familie und Gesellschaft zu begnügen.

 

Enttäuscht? Natürlich sind Sie enttäuscht. So über die Liebe reden zu hören, ist empörend. Aber es beruhigt Sie auch, denn der Irrtum ist doch zu offensichtlich: Sie wissen es schließlich, daß der Geist die Materie transzendiert. Sie wissen, daß die Liebe, die persönliche und die universelle Liebe, den Menschen über sich selbst erheben kann. Die Liebe, für die er sogar zuweilen sein Leben opfert. «Parrroles, Parrroles, Parrroles», seufzte Dalida mit ihrem so überaus menschlichen Akzent, der weltweit die Menschen in ihrem Innersten berührt hat. Aber nein, Sie wissen, daß es eben nicht nur Worte sind, sondern daß es ewige Werte sind, die den Glanz und das Verdienst der Generationen, die uns vorausgingen, ausmachen, die uns die Errungenschaften des industriellen Zeitalters brachten – mit ihren Folterqualen und Vernichtungskriegen, der Zerstörung der Biosphäre, der entfremdeten Arbeit und den Trabantenstädten. Es ist selbstverständlich nicht die junge Generation, der dieses Verdienst gebührt. Sie weiß ja gar nicht mehr, was das ist, Arbeit, Familie, Vaterland. Sie scheint es ja geradezu auf die Abschaffung der Hierarchien angelegt zu haben, die doch unverzichtbar sind für die belohnende Auszeichnung, für die Schaffung von Eliten. Seit geraumer Zeit finden sich in den Buchhandlungen Schriften von Autoren (von der Kritik einhellig als echte Humanisten gelobt), die mit dem Akzent der unbestechlichen Gelehrten die Sonderstellung des Menschen im Universum betonen und uns auffordern, zurückzukehren zu den Werten, auf die sich Wohlstand und Glück der vergangenen Generationen gegründet haben und ohne die eine Gesellschaft nie das erreichen wird, was wir erreicht haben. Ohne die uns der Verlust der Eliten droht – wie jener, zu der besagte Gelehrten gehören, was also ärgerlich wäre. Wer entscheidet denn über die Vergabe von Krediten, über die Verwendung des Mehrwerts, wer führt so «human» die großen Unternehmen, wer sitzt an den Hebeln im Staat, in Handel und Industrie, kurz, wer sorgt dafür, daß es vorangeht, wenn nicht sie, die Eliten? Und diese jungen Leuten, die die Segnungen der Moderne ablehnen, obwohl sie von ihnen profitieren, täten besser daran, sich an die Arbeit zu machen und ihren Beitrag zum Wirtschaftswachstum zu leisten, was noch immer der sicherste Garant war für das Fortbestehen von Wohlstand und Glück. Gewalt hat noch nie zu etwas geführt – außer in Revolutionen, in Schreckensregimen, in Vendée-Aufständen, im Kampf um Menschen- oder Bürgerrechte. Natürlich gibt es Streumunition, Napalm und Entlaubungsmittel, es gibt den Arbeitstakt der Fabriken und es gibt Gerichstvollzieher, aber all das (so sagen sie) ist doch nur der Versuch, die Werte der freien Welt denjenigen nahezubringen, die die Freiheit und die jüdisch-christliche Kultur bislang nicht zu schätzen wußten. Wir müssen das Leben, dieses hohe Gut, schützen, Abtreibung hingegen verbieten, ebenso wie Verhütung und Pornographie (die nichts mit Erotik zu tun hat, was sich wohl von selbst versteht), und im Namen des Vaterlands fördern wir die Rüstungsindustrie, den Export von Panzern und Kampfflugzeugen, die schließlich nicht an sich Schaden anrichten, sondern nur, wenn das Militär sie einsetzt. Wenn doch einmal eine dieser Bomben Menschen tötet, Männer, Frauen, Kinder – nun, diese Menschen haben immerhin das Leben schätzen lernen können, haben familiäres und menschliches Glück erfahren. Aber die armen Geschöpfe, die Opfer einer Kürettage oder Aspiration wurden, werden diese Freuden nie kennenlernen, das Glück, mit uns auf Erden zu sein. Weiß man denn, ob sich unter ihnen nicht ein zukünftiger Präsident der Republik befunden hat? Nein, wir müssen sie leben lassen, denn auch wenn die Welt nicht vollkommen ist, so ist doch ebenso bekannt, daß erst das Leid dem Menschen Würde verleiht, daß «keinem Erkenntnis wird, so er nicht gelitten». (Letzteren Satz zum Zeichen der unbestechlichen Gelehrsamkeit mit einer Fußnote und einem bibliographischen Verweis versehen.)

 

Ja, meine Ausführungen über die Liebe sind betrüblich. Es fehlt ihnen jede Spiritualität. Glücklicherweise bleiben uns immer noch der heilige Franz von Assisi, Papst Paul VI. und Michel Droit. Zum Glück gibt es noch Menschen, die wissen, wozu sie gelebt haben. Fragen Sie die. Sie werden Ihnen sagen, daß es eine allumfassende Liebe zum Menschen war, für die sie sich aufgeopfert hätten. Und man muß ihnen Glauben schenken, denn es sind vernünftige und verantwortungsbewußte Menschen. Ein Blick in ihre Gesichter genügt, um zu erkennen, welche Entbehrungen sie auf sich genommen haben.

 

Ich hätte Ihnen vielleicht erzählen sollen, daß mein eigentlicher Antrieb seit meiner frühesten Jugend gewesen sei, das Leiden der Menschheit zu lindern, Medikamente zu entwickeln, zu operieren und tödliche Wunden zu behandeln. Ich hätte Ihnen erzählen sollen, daß sich meine Rolle als Arzt nie darauf beschränkt hätte, den Körper zu heilen, sondern daß ich hinter dem Körper immer den ganzen Menschen, als moralisch, spirituelles Wesen, gesehen habe (in privaten Sprechstunden mit Honoraren nach Vereinbarung) und in jedem Menschen die conditio humana als solche. All das ist mir bereits familiär in die Wiege gelegt worden. Aber es waren natürlich meine höchsteigenen Verdienste, die mich in der Folge eine ehrenvolle Karriereleiter hätten erklimmen lassen. Natürlich unterlag auch ich einer gewissen Selbstsucht und war nicht frei von Irrtümern, doch wie unbedeutend war all dies verglichen mit der menschlichen Wärme, den vielfältigen Kontakten, der Freundschaft und Liebe, die ich erfahren durfte, der ich mich mit Leib und Seele verschrieben habe und die das Beste in mir zum Vorschein brachte. Nach der Lektüre eines solchen Buches hätten sie gewiß eine gute Meinung von den hohen menschlichen Idealen des Autors (was sollen Ideale auch schon sein, wenn nicht menschlich?), und angesichts dieses leuchtenden Beispiels hätte sie vielleicht nicht gezögert, dem Autor nachzueifern. Beseelt von diesem Eifer hätten Sie sich bereichert gefühlt, Sie, die soziale Gruppe, der Sie angehören, das Land, die Kultur und am Ende die Menschheit insgesamt. Ohne Ihren verdienten Platz in der Gesellschaft verlassen zu müssen (der Platz, den man in der Gesellschaft einnimmt, ist immer verdient und gerecht), hätten Sie dafür gesorgt, daß das Ideal der Liebe, der Redlichkeit, der Ehre, des Opfers in Ehren gehalten würde, denn ohne Ideale gibt es keine Zukunft für die leidende Menschheit (haben Sie bemerkt, daß die Menschheit eigentlich immer leidend ist?).

 

Aber statt dessen lesen Sie von einem Mann, der behauptet, daß alle Menschen – nach Ihren Kriterien geurteilt – verlogen und korrupt sind, daß es angeblich weder Liebe noch Altruismus, noch Freiheit, Verantwortung und Verdienst gibt, nichts, was jener von Menschen ersonnen Wertehierarchie entsprechen würde, daß all dies nur Maskerade sei zur Etablierung einer Dominanzhierarchie. Daß diese Dinge nur den Wert hätten, den ihnen eine soziale Teilgruppe beigelegt habe. Und wohlgemerkt, er hat nichts in der Hand, kein Mittel, das Sie zwingen würde, ihm «freiwillig» Glauben schenken zu müssen – ihm steht keine spanische Inquisition zur Seite –, und seine unmaßgeblich persönliche Erfahrung kann dieses Mittel ja wohl nicht sein.

Vielleicht ist es ja die Verhaltensbiologie, auf die er so oft anspielt, wohl weil sie ihn auszeichnet, die ihm das «logische Alibi» geliefert hat, wie er es wohl nennen würde, um seine nur allzu reale Mittelmäßigkeit zu kaschieren? Er reduziert seine Mitmenschen auf ihr bloßes Verhalten und unterstellt ihnen Motivationen, die womöglich nur seine eigenen sind. Vielleicht sind diese Menschen sehr wohl gut, edelmütig, hilfsbereit, tolerant, bescheiden, demütig – und wenn sie Machtpositionen einnehmen, dann nur widerwillig, wie eine Last, die zu tragen ihnen andere auferlegen? Vielleicht sind sie im Grunde genau das, was er uns zu sein empfiehlt, wenn er auf seine tröstliche Humanismen anspielt, auf Sublimation und Transzendenz und die unsere verdienten Eliten leiten? Vielleicht haben diese Menschen also ihre Stellungen einfach wegen ihrer herausragenden Fähigkeiten und durch viel Arbeit errungen? Man muß sich geradezu fragen, ob sie aus ihren Stellungen wenigstens einen gewissen Nutzen ziehen!

 

Nun, ich habe gelernt, daß das, was man «Liebe» nennt, aus der Verstärkung einer befriedigenden Handlung resultiert, zu der uns ein anderes Wesen, das den Raum unseres Handelns teilt, autorisiert, und «Liebeskummer» entsteht, wenn dieses Wesen sich verweigert, weiterhin befriedigendes Objekt für uns zu sein, oder sich entschließt, das befriedigende Objekt eines anderen zu werden, und sich so ganz oder teilweise unserer Handlung entzieht. Die Weigerung oder «Aufteilung» verletzt das ideale Selbstbild, das wir von uns haben, unseren Narzißmus, und zieht Depressionen oder Aggressivität und/oder die Herabsetzung des geliebten Wesens nach sich.

 

Ich habe auch gelernt, was schon einige vor mir herausgefunden haben, daß jeder allein geboren wird, allein lebt auf der Welt und allein stirbt, gefangen in seiner biologischen Struktur, die nur einem Zweck dient, dem der Selbsterhaltung. Aber ich habe noch etwas anderes gelernt, etwas Erstaunliches: Durch die Erinnerung und den Lernprozeß dringen die Anderen in diese Struktur ein. So daß auf der Organisationsebene des Ich diese Struktur nichts anderes ist als die Anderen. Und schließlich habe ich gelernt, daß die Existenzangst, die in unserem Alltag, durch das Leben in der Konsumgesellschaft, so geschickt verschleiert wird, genau daher rührt: von der Einsamkeit unserer biologischen Struktur, die das Ganze in sich einschließt durch die unendlichen, in aller Regel namenlos bleibenden Erfahrungen, die wir mit den Anderen gemacht haben. Angst, weil wir nicht verstehen, wer wir sind und wer die Anderen sind – Gefangene in einer Welt der Inkohärenz und des Todes. Ich habe verstanden, daß das, was man Liebe nennt, nichts anderes sein kann als der anhaltende Schrei des Gefangenen, den man zur Folter führt und der weiß, wie absurd das Wissen um seine Unschuld ist – dieser verzweifelte Schrei, der den Anderen um Hilfe ruft und dem nie auch nur ein Echo antwortet. Der Schrei Jesu am Kreuz: «Eli, Eli, lama asabthani» – «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Doch Antwort erhält er nur vom Gott der Eliten, dem Gott des Hohen Rats, dem Gott der Starken. Deswegen muß man all diejenigen beneiden, die nie einen solchen Schrei ausstoßen mußten – die Wohlhabenden, die Reichen, die Profiteure, die Angeber, die Hier-geht’s-lang-Menschen, die So-ist-das-und-nicht-anders-Menschen, die Ewig-Sicheren, die Vornehm-Tuenden und Selbstgerechten. Diese Menschen rufen nie um Hilfe. Sie suchen sich allenfalls «Unterstützung» auf ihrem Weg nach oben. Denn seit ihrer Kindheit hat man ihnen eingetrichtert, daß dies der Weg zum Glück ist. Sie haben keine Zeit zu lieben, denn sie sind zu sehr damit beschäftigt, die Stufenleiter der Hierarchie zu erklimmen, nicht ohne die Liebe zu loben als «höchsten» aller «Werte», von dem sie natürlich immer erfüllt sind. Für die anderen beginnt die Liebe mit dem Wimmern des Neugeborenen, wenn es unter Schmerzen die mütterliche Fruchtblase verläßt und schlagartig den kalten Wind der Welt im Nacken spürt und es zu atmen beginnt, allein, ganz für sich allein, bis zum Tod. Glücklich ist, wem ab und an eine Mund-zu-Mund-Beatmung zuteil wird.

 

– Kennst du das, Narziß? ¶

 

 

<H. L., L'Amour, in: Éloge de la fuite, Paris: Robert Laffont 1976; Übersetzung H. A.>